Die erste jüdische Gemeinde in Władysławów (Hebr. ולדיסלבוב) wurde vermutlich im 16. Jahrhundert gegründet. Spätestens ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts lassen sich einige Juden in der Stadt nachweisen. Unter den Erwerbstätigen fanden sich im Jahr 1764 ein Pächter, ein Branntweinbrenner, ein Hutmacher und ein Fransenweber (auch Posamentierer oder Bortenwirker genannt).
Infolge der Teilungen des Doppelstaates Polen-Litauen in den Jahren 1772, 1793 und 1795 kam Władysławów 1794 unter preußische Herrschaft. Ab 1807 gehörte die Stadt zum Herzogtum Warschau und wurde in den Landkreis Konin im Departement Kalisz eingegliedert. Nach dem Wiener Kongress 1815 wurde sie von Großpolen getrennt und gehörte zum Königreich Polen (Kongresspolen), das unter russischer Kontrolle stand. Die russischen Behörden entzogen Władysławów 1863 das Stadtrecht.
Im Jahr 1800 lebten in Władysławów 108 Juden. Das entsprach 14 Prozent der Gesamtbevölkerung des Ortes (rund 800 Einwohner). Einhundert Jahre später machte die jüdische Bevölkerung etwa 30 Prozent der Gesamteinwohnerzahl Władysławóws aus. Die jüdische Bevölkerung wuchs im 19. Jahrhundert an und gründete eine Gemeinde mit einem Synagogengebäude aus Stein, einem Rabbiner oder Dajan (Hebr. דיין; "Richter", "Religions- und Gesetzeslehrer") und einem Schochet (Hebr. שוחט; "Schächter", "ritueller Schlachter"). Die jüdischen Einwohner waren überwiegend im Kleinhandel und Handwerk tätig. Gegen Ende des Jahrhunderts wurden die meisten Geschäfte sowie zwei Gasthäuser von Juden betrieben. Mehrere Juden verdienten ihren Lebensunterhalt als Gerber, Weber oder Schmiede. Einige jüdische Familien besaßen Grundstücke, die sie bewirtschafteten. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es zwei einklassige Dorfschulen, die eine besuchten die katholischen und jüdischen Kinder, die andere die evangelischen. Bei der Volkszählung im Jahr 1921 gaben 293 Einwohner an, jüdischen Glaubens zu sein.
Im Zuge des Ersten Weltkrieges besetzten im Jahr 1915 deutsche Truppen Władysławów. Der Ort gehörte zum Landkreis Konin in der Woiwodschaft Łódź. Zwischen den beiden Weltkriegen waren die Juden der Region dem wachsenden Antisemitismus und der Wirtschaftskrise ausgesetzt. Infolge dieser Situation verließen einige von ihnen das Land und etliche weitere zogen in die größeren Städte. Die jüdische Gemeinde von Władysławów verringerte sich in den 1930er Jahren somit um mehr als die Hälfte.
1939 lebten in Władysławów 56 jüdische Familien (etwa 280 Personen). Anfang September 1939, mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, besetzten erneut deutsche Truppen die Stadt. Władysławów wurde in den Reichsgau Wartheland (Warthegau) integriert. Deutsche Soldaten überfielen die Juden, unterstützt von lokalen deutschen Einwohnern, und beraubten sie ihrer Besitztümer. Die jüdischen Männer wurden zur Zwangsarbeit verschleppt und ihnen unter Schlägen und Erniedrigungen die Bärte abgeschnitten. Während der deutschen Besatzung blieben etwa 115 Juden in Władysławów. Gegen Ende 1939 ordneten die Besatzer den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde an, gelbe Armbinden mit dem Davidstern zu tragen. Darüber hinaus wurde es ihnen verboten das Siedlungsgebiet zu verlassen.

Deportation aus Russocice. Familie Tobiak wird in die
"Kolonie" (Heidemühle/Kowale Pańskie) gebracht.[1]
1940 wurden alle jüdischen Familien Władysławóws in einem Ghetto zusammengepfercht. Die Verwaltung verwehrte ihnen jegliche Nahrung, wodurch die Mitglieder der jüdischen Gemeinde gezwungen waren, sich nachts in die benachbarten Orte zu stehlen, um sich Proviant zu beschaffen. Die Gestapo richtete in den Jahren 1939 bis 1942 etwa 25 Personen hin. Am 20. Oktober 1941 wurden etwa 4000 Juden des Landkreises Turek, unter ihnen auch die Juden aus Władysławów, in das Dorfghetto Czachulec (Hebr. גיטו הכפרי צ’חולץ) in der Nähe von Kowale Pańskie (Hebr. קובלה פנסקיה, Jidd. קאָוואַלע פּאַנסקיע) deportiert. "Dieses umfasste vier Gemeinden der beiden Amtsbezirke Kowale Pańskie/Heidemühle und Malanów (etwa 2 km östlich von Kowale Pańskie, rund um das Dorf Czachulec Nowy, nach welchem das Ghetto auch benannt wurde), mit insgesamt 12 Weilern beziehungsweise großen Höfen mit einigen umliegenden Häusern, die sich über 1711 ha erstreckten und zuvor von Polen bewohnt wurden, die eigens dafür ausgesiedelt worden waren. Nur ein Teil der Juden fand jedoch in den Wohngebäuden Platz. Viele mussten in kleinen Ställen, Scheunen und anderen primitiven Gebäuden, die überfüllt waren und keine Heizmöglichkeiten besaßen, ihr Dasein fristen."[2] Zwischen 1942 und 1943 deportierten die deutschen Besatzer schließlich alle Juden der Region in das Vernichtungslager Kulmhof (Vernichtungslager Chełmno; Hebr. מחנה ההשמדה חלמנו) in Chełmno nad Nerem, wo die etwa 115 Juden, die in Władysławów geblieben waren, ermordet wurden. Am 21. Januar 1945 befreiten aus Richtung Turek kommende russische Panzer die Stadt.
| Bevölkerungszahlen[3] | ||
| Jahr | Gesamtbevölkerung | Juden |
| 1764/65 | (?) | 57 |
| 1808 | 712 | 137 |
| 1827 | 915 | 192 |
| 1857 | 758 | 244 |
| 1921 | 960 | 293 |
| 1. Sep. 1939 | (?) | ca. 115 |
[1] Eliezer Esterin (Hrsg.), Sefer zikaron le-qehilat Tureq ve-li-qedoshehah [Turek: A Memorial to the Jewish Community of Turek, Poland] (Tel Aviv: Turek Organization in Israel, 1982), S. 412 [Hebräisch].
[2] Michael Alberti, Die Verfolgung und Vernichtung der Juden im Reichsgau Wartheland 1939–1945 (Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, 2006), S. 203.
[3] Danuta Dąbrowska und Abraham Wein (Hrsg.), Pinqas ha-qehillot Polin: ʿentsiqlopedyah shel ha-yishuvim ha-yehudiyim le-min hivasdam ve-ʾad le-ʿahar shoʿat milkhemet ha-ʾolam ha-shniyah [Pinkas HaKehillot Poland: Encyclopaedia of Jewish Communities], Bd. 1: Lodz ve-ha-galil [The Communities of Lodz and its Region] (Jerusalem: Yad Vashem, 1976), S. 103 [Hebräisch].
Text: Karsten Mettendorf
Quellen: