Wann die ersten Juden in Stawiszyn (Hebr. סטאווישין) siedelten ist nicht bekannt. Vermutlich ließen sich die ersten jüdischen Familien in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der Stadt nieder. Bis zur Amtszeit von Rabbi Mosche Ephraim Aschkenasi (1821–1831) waren die Juden von Stawiszyn der jüdischen Gemeinde von Kalisch (Hebr. קהילת קאליש) unterstellt. Etwa ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Stawiszyner Gemeinde unabhängig. In den 1870er Jahren war Rabbi Alexander Ze’ev (Wolf) Rabbiner der Gemeinde. Laut dem geografischen Wörterbuch des Königreichs Polen und weiterer slawischer Länder (Słownik geograficzny Królestwa Polskiego i innych krajów słowiańskich), dessen Bände zwischen 1880 und 1902 erschienen, gab es in Stawiszyn neben einer Synagoge aus Holz 140 Häuser und es lebten 1924 Einwohner im Ort, darunter 238 Protestanten, 4 orthodoxe Katholiken und 609 Juden. Im Jahr 1857 hatte die Stadt 167 Häuser und 1550 Einwohner, darunter 364 Juden und 201 Deutsche. 1884 bekannten sich 656 Personen zum jüdischen Glauben, was 31 Prozent der Gesamteinwohnerzahl ausmachte. Rabbi Lejb Rosenzweig hatte im Jahr 1888 das Amt des Rabbiners der jüdischen Gemeinde inne und von 1905 bis 1921 Rabbi Me’ir bar Abraham Temerson. 1900 brach in der Stadt ein Feuer aus, bei dem etwa 80 jüdische Häuser niederbrannten und ca. 600 Menschen obdachlos wurden. In der gesamten Region Kalisch wurde Hilfe für die Opfer des Feuers organisiert und sie wurden mit Lebensmitteln und Kleidung versorgt.
Ab Ende des 19. Jahrhunderts waren in Stawiszyn verschiedene wohltätige und gemeinnützige Organisationen tätig, wie z.B. die Biker-Kho’ylim-Gesellschaft (Jidd.; Hebr. bikur cholim, ביקור חולים, "Krankenbesuch"), die Lines-Tsedek-Gesellschaft (Jidd.; Hebr. linat ha-zedek, לינת הצדק, "Herberge der Gerechtigkeit"; Hospiz für Arme), die Khevres-Tilim (Jidd.; Hebr. chewrat tehilim, חברת תהילים, "Psalmen-Verein"; Verein zur Rezitation der Psalmen) und die Khevres-Neyrtomed (Jidd.; Hebr. chewrat ner tamid, חברת נר תמיד, "Verein des Ewigen Lichts"). Organisierte zionistische Aktivitäten sind ab 1916 zu verzeichnen. Bei den Wahlen zum Gemeinderat 1918 wetteiferte der Block der zionistischen Strömungen mit der streng orthodoxen jüdischen Partei Agudas Yisroel (Jidd.; Hebr. ʿAgudat Jisraʿel, אגודת ישראל, "Bund Israels"). Später verstärkte sich der Einfluss der Agudas Yisroel auf die Einrichtungen der jüdischen Gemeinde. Bei einer Volkszählung im Jahr 1921 erklärten 672 Stawiszyner, jüdischer Abstammung zu sein.
Zwischen den beiden Weltkriegen waren in Stawiszyn folgende zionistische Parteien aktiv[1]: die Allgemeinen Zionisten (Hebr. ha-zijonim ha-klalijim, הציונים הכלליים), die religiös-zionistische Partei "Misrachi" (Hebr. ha-misrachi, המזרחי; "nach Osten" und auch Akronym für "geistiges Zentrum") und die Revisionisten (Hebr. ha-rewisjonistim, הרביזיוניסטים). Ab Mitte der 1930er Jahre kam es zu einem deutlichen Rückgang der Präsenz der zionistischen Parteien, was sich in der Zahl der Wähler auf den zionistischen Kongressen widerspiegelt: 1931 stimmten 51 Personen ab, 1933 155, 1937 14 und 1939 10 Personen. Anfang der 1920er Jahre wurde eine Händlervereinigung geschaffen und 1935 ein Kleinhändlerverband gegründet. Ebenso existierte in diesen Jahren eine Handwerkervereinigung. 1929 entstanden ein Wohltätigkeitsfonds und eine Kreditgenossenschaftsbank. In Stawiszyn gab es darüber hinaus eine Theatergruppe, die von zionistischen Kreisen geleitet wurde, und eine jüdische Fußballmannschaft.
Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges im September 1939 flohen Gruppen jüdischer Männer aus Stawiszyn vor der deutschen Armee in Richtung Osten. Nach der Besetzung der Stadt wurden verschiedene Maßnahmen über die lokalen Juden verhängt, wie Zwangsarbeit, Beschlagnahme von Eigentum, Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und Zwangsabgaben. Am 19. Januar 1940 brachten die deutschen Besatzer einen Teil der jüdischen Bevölkerung nach Kalisch, wo sie mit den restlichen Mitgliedern der dortigen jüdischen Gemeinde zusammengeführt wurden, nachdem die überwiegende Mehrheit der Kalischer Juden in das Generalgouvernement deportiert worden war. Am 12. Februar 1940 wurden alle in Stawiszyn verbliebenen Juden in das Ghetto in Koźminek deportiert, das eine Art Arbeitslager war. Im Juli 1941 errichteten die Nationalsozialisten im ehemaligen Mühlengebäude in der Ulica Zamurna ein Zwangsarbeitslager für Personen jüdischer Herkunft, die aus dem Ghetto Koźminek dorthin gebracht wurden. Die Gefangenen wurden zu Entwässerungsarbeiten gezwungen. Das Lager war bis Januar 1942 in Betrieb. Die meisten Stawiszyner Juden starben 1942 im Vernichtungslager Kulmhof (Vernichtungslager Chełmno; Hebr. מחנה ההשמדה חלמנו) in Chełmno nad Nerem.
| Bevölkerungszahlen[2] | ||
| Jahr | Gesamtbevölkerung | Juden |
| 1764/65 | (?) | 57 |
| 1808 | 1137 | 193 |
| 1827 | 1467 | 258 |
| 1857 | 1440 | 344 |
| 1884 | 2106 | 656 |
| 1921 | 2560 | 672 |
| 1. Sep. 1939 | (?) | ca. 800 |
[1] Für Informationen zum Zionismus siehe zum Beispiel die Artikel "Die Entwicklung des politischen Zionismus nach Herzl" von Michael Brenner auf der Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung (besucht am 6. Juni 2015), und "Die Formierung der jüdischen Nationalbewegung im transnationalen Austausch: Der Zionismus in Europa bis zum Ersten Weltkrieg" von Kerstin Armborst-Weihs, in: Europäische Geschichte Online (EGO), Institut für Europäische Geschichte (IEG) (Hrsg.), Mainz, 3. Dezember 2010 (besucht am 14. Juni 2015).
[2] Danuta Dąbrowska und Abraham Wein (Hrsg.), Pinqas ha-qehillot Polin: ʿentsiqlopedyah shel ha-yishuvim ha-yehudiyim le-min hivasdam ve-ʾad le-ʿahar shoʿat milkhemet ha-ʾolam ha-shniyah [Pinkas HaKehillot Poland: Encyclopaedia of Jewish Communities], Bd. 1: Lodz ve-ha-galil [The Communities of Lodz and its Region] (Jerusalem: Yad Vashem, 1976), S. 162 [Hebräisch].
Text: Karsten Mettendorf
Quellen: