Geburts-, Heirats- und Sterbemeldungen von 1835 bis …..
Bisher erfasst: 1830-1834, 1837-1842.
(Die Erfassung wird fortgesetzt)
Entstehung der Gemeinden
Im Russischen Reich hatte die lutherische Konfession gegenüber anderen Richtungen eine Sonderstellung. Besonders verbreitet war sie im Baltikum, aber auch Mitglieder der Zarenfamilie gehörten bis zum Übertritt zur orthodoxen Kirche dem lutherischen Bekenntnis an. Dazu kam noch, dass diese ein Gegengewicht zur römisch-katholischen Kirche darstellte, deren Mitglieder in Russland allerdings weniger als 10% der andersgläubigen Christen ausmachten.
Die erste lutherische Gemeinde wurde in Moskau 1559 gegründet, deren erste Pfarrer waren Tilman Brakel und Johann Wettermann. 1576 begann man mit dem Bau einer einfachen Holzkirche. Diese brannte mehrfach ab, wurde auch umgebaut und verlegt. Für 1616 ist auch die Existenz einer reformierten Kirche nachweisbar. Schon 1626 teilte sich die lutherische Gemeinde. Eine neue Gemeinde, geführt von Pastor Jakob Neuenburg, hauptsächlich für ausländische Angehörige der Armee, Vorgängerin der St. Peter-Paul-Gemeinde, gründete sich. Doch schon im Jahre 1632 wurde deren Kirche abgerissen, nachdem es einen Skandal, ausgelöst durch den Streit von Frauen vor den Augen des Patriarchen, gegeben hatte. Die alte Gemeinde nahm zu dieser Zeit nach Zar Michail Feodorovič den Namen St. Michael an. Dieser ließ aber schon 1643 beide Kirchen abreißen, weil sich orthodoxe Geistliche wegen der Nähe zu den orthodoxen Kirchen beschwert hatten. Anzunehmen ist, dass damit eine Abtragung und Neuerrichtung des hölzernen Kirchenbaus an anderer Stelle gemeint ist. Die St. Michael-Gemeinde zog in die deutsche Vorstadt in die Jauzskaja Sloboda. Schon 1684 konnte eine erste lutherische Steinkirche errichtet werden, die allerdings 1729 abbrannte. Auch die neue Gemeinde errichtete Ende des 17. Jahrhunderts eine steinerne Kirche und nahm den Namen St. Peter-Paul an, möglicherweise nach Zar Peter, der für den Bau der Kirche Geld zur Verfügung gestellt haben soll. Wenige Jahre später, 1737, brannten beide Kirchen ab. Durch Spenden von deutschen Gemeinden aus dem Baltikum, St. Petersburg und Archangelsk konnte schnell mit dem Wiederaufbau begonnen werden, doch 1748 brannten alle drei protestantischen Kirchen ab. Nach einer Grundstücksschenkung durch Margarite von Grzibowsky errichtete die Gemeinde die Kirche wieder und weihte sie 1764 ein, allerdings ohne Turm. Der Bau eines Turmes scheiterte 1793. Fast parallel dazu ließ sich durch eine Schenkung der Zarin Elisaveta Alexeevna ein Friedhof für nicht orthodoxe Christen schaffen, auf dem bis 1917 Lutheraner, Katholiken, Reformierte und Anglikaner beerdigt werden konnten und den eine spezielle Kommission verwaltete.
Lutherische Kirchen vom 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg
Nachdem die St. Peter-Paul-Kirche 1812 abgebrannt war, zog sie in die Starosadskij Gasse. Zur Grundsteinlegung 1818 waren auch der preußische König Friedrich Wilhelm III. und der Moskauer Generalgouverneur A.P. Tormačov anwesend. Mit 1.600 Sitzplätzen entstand das größte lutherische Gotteshaus Moskaus. Nachdem sich die Stadt Moskau erheblich vergrößert hatte und der Gottesdienstbezug wegen der Lage der evangelischen Kirchen im Nordosten der Stadt für Teile der Gemeinden schwieriger geworden war, beschloss der Superintendent im Zusammenhang mit den Kirchenleitungen beider lutherischen Gemeinden für den Westteil der Stadt (Arbat, Tverskaja, Presnja) eine neue St. Johannisgemeinde zu gründen. Das Innenministerium genehmigte dies im Januar 1907, die Gemeinde bestand bis 1917. Wegen der Zunahme der Gemeindemitglieder spalteten sich 1913 die estnische Elisabeth-Gemeinde und 1915 die lettische St. Petri-Gemeinde von der St. Petri-Pauli-Gemeinde ab.
Die Kirche war der Mittelpunkt des Lebens der Moskauer Deutschen und durch die weit entwickelten Institutionen der Selbstverwaltung erfolgreich. Dabei lag die höchste Macht in der lutherischen Gemeinde bei der Vollversammlung der Gemeindemitglieder. Dort wurden alle wichtigen Probleme erörtert, die Pfarrer gewählt, auch Vertreter in den Kirchenrat für die Verwaltung der Gemeinde gewählt, ebenso die Deputierten, die eng mit den Vertretern des Kirchenrats zusammenarbeiteten. Im Jahr 1913 wurde eine Gruppe von achtzig Personen gebildet, die eine bessere Koordination zwischen dem Kirchenrat und der Gemeinde herstellen sollte. Geplant war auch die Schaffung vieler evangelischer Zentren in Moskau. Diese Überlegungen konnten aber durch den Beginn des Ersten Weltkrieges nicht umgesetzt werden.
Kurz nach Beginn des Krieges wurden die reichsdeutschen Gemeindemitglieder aus Moskau deportiert, die Geburtenrate nahm deutlich ab, die geistliche Betreuung in den Militärhospitälern war sehr schwierig geworden. Zudem kam der schulische Religionsunterricht nahezu zum Erliegen und wurde daher außerunterrichtlich angeboten. Zwischen dem 26. und 28. Mai 1915 kam es in Moskau zu einem antideutschen Pogrom. Neben fünf Toten und vielen Verletzten entstand ein hoher Sachschaden, das Pastorat von St. Michael wurde demoliert, das Kirchenarchiv verwüstet, Teile der Kirchenbücher zerstört, karitative Einrichtungen mussten geschlossen werden. Die Kirchenleitung verfasste ein offenes Schreiben an das Departement für geistliche Angelegenheiten und versicherte ihre Loyalität. Da die meisten Gemeindemitglieder der evangelisch-reformierten Gemeinde bis Ende 1916 Moskau verlassen hatten, konnte die Restgemeinde das Gebäude nicht mehr halten, übergab es an die evangelistischen Christen und stellte die Gottesdienste 1921 ein.
Der Untergang der Gemeinden
Die Oktoberrevolution und deren Folgen ließen die deutschen evangelischen Gemeinden in Moskau untergehen. Mit dem Dekret vom 23. Januar 1918 wurden die Trennung von Kirche und Staat und von Schule und Kirche verfügt. Alle kirchlichen Schulen wurden nun der Abteilung Volksbildung unterstellt, die karitativen Einrichtungen, Grundstücke und Gebäude der Kirche wurden Staatseigentum. Im September 1918 mussten innerhalb von drei Tagen Bargeld und Wertpapiere abgegeben und der noch vorhandene Kirchenbesitz aufgestellt werden. Für die St. Petri-Kirche schlossen Vertreter des Kirchenrates mit dem lokalen Sovet (Mossovet) einen Pachtvertrag ab, die Gemeinde St. Michael musste einen ähnlichen Pachtvertrag im September 1920 unterzeichnen. Neben deren Kirchengebäude befand sich allerdings das Staatliche Institut für Aerodynamik, welches wegen geplanter Expansion schon Mitte der zwanziger Jahre Ansprüche an das Kirchengrundstück geltend machte. Eine staatliche Kommission zur Feststellung der Grenzen von Unternehmensgrundstücken kam im Juli 1927 zu dem Ergebnis, dass die Kirchgemeinde St. Michael als möglicher Ort für Diversion und Spionage vom Gelände zu verbannen sei, zumal das Institut auch militärischen Zwecken diente. So beschloss im Januar 1928 der Mossovet die St. Michael-Kirche zu schließen. Bald darauf wurde das Kirchengebäude abgerissen. Ein Teil des Kirchenbesitzes musste an Vertreter der Museumsabteilung der Moskauer Abteilung Volksbildung abgegeben werden. Die Gemeinde konnte in das Gebäude der Reformierten Kirche, Maly Vuzovskij-Gasse 3, umziehen und durfte dort als Mitpächter mit den evangelischen Christen und den Baptisten bis 1936 bleiben.
Im Vergleich zum Jahr 1913 hatte nun die Zahl der Taufen, Konfirmationen, Trauungen und Begräbnisse auf ein Viertel abgenommen. Ab 1929 war die kirchliche Jugendarbeit vollständig verboten und konnte nur noch im Verborgenen weitergeführt werden. Dazu kamen auf Initiative des Komsomol durchgeführte Kampagnen gegen das Weihnachts- und Osterfest, die Einführung der durchgehenden Arbeitswoche, welche den Besuch des sonntäglichen Gottesdienstes erschwerte, und die Behinderung beim Erwerb von Heizmaterial für die Kirche, was es insbesondere alten Menschen, Kindern und Frauen fast unmöglich machte am Gottesdienst teilzunehmen, nicht selten sanken die Temperaturen dabei unter null Grad Celsius.
Woldemar Rüger, 1929 bis 1934 Pastor der St. Michael-Kirche, wurde im Januar 1935 verhaftet und wegen der Annahme materieller Hilfe vom Gustav-Adolf-Verein für „konterrevolutionäre Agitation‟ zu fünf Jahren Haft verurteilt. Seine Aufgaben übernahm zunächst Alexander Streck, der Pastor der St. Petri-Kirche. Allerdings ließ man diesen im November 1936 ebenfalls verhaften. Mit der Verhaftung des letzten deutschen Pastors in Moskau musste der Gottesdienst auch in der St. Petri-Kirche eingestellt. Das Kirchengebäude erhielt auf Weisung des Mossovet vom 17. Juli 1938 der Bezirkssovet Krasnogvardejskij übertragen, er ließ es aufwändig umbauen und ein Kino einrichten.
Beide Pastoren wurden 1937 bzw. 1938 erschossen, viele deutsche Familien von Gemeindemitgliedern in der Folgezeit Opfer von Verhaftungen und Deportationen. Mit der Sonderverordnung des Staatlichen Verteidigungskomitees der UdSSR über die Deportation von Bürgern deutscher Nationalität aus Moskau und dem Gebiet Moskau vom 6. September 1941 endete die jahrhundertelange Geschichte der Moskauer Deutschen. Das NKWD spürte bis zum 19. September 5.500 Personen auf, die zu dieser Gruppe gehörten. Von diesen wurden 3.524 in drei Zügen in das Gebiet Karaganda deportiert.
Die St. Petri-Kirche wurde 1991 erneuert, 2008 wieder geweiht und am 25. Oktober 2017 anlässlich der 500-Jahrfeiern der Reformation der evangelischen Kirche rückübertragen. Aus diesem Anlass besuchte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Gemeinde.
Pastoren und Wohltätigkeitsarbeit
Die evangelischen Pastoren waren oft herausragende Persönlichkeiten des russischen Geisteslebens. Johann Wettermann katalogisierte 1565 die Bibliothek des Zaren Iwan IV., Johann Gregorii gründete im Auftrag des Zaren das erste russische Theater und Ernst Glück übersetzte 1685–89 die Bibel ins Lettische sowie 1699–1705 ins Russische. Für die Pastoren war vorgeschrieben, dass sie in Dorpat (Tartu) oder Helsingfors (Helsinki) studieren, fließend russisch sprechen und nach einer Verordnung von 1842 die russische Staatsbürgerschaft besitzen mussten. Die Russischkenntnisse benötigten sie aufgrund der allmählichen Russifizierung der Bevölkerung auch für den Religionsunterricht.
Neben den Gottesdiensten hielten die Pastoren regelmäßige Bibelstunden, Religionsunterricht, beteiligten sich an der Arbeit karitativer Vereine und der Erziehungsarbeit und unternahmen Hausbesuche. Ein Schwerpunkt war auch der Religionsunterricht für russischsprachige Deutsche. Es gab in St. Petri-Pauli auch gesonderte Kindergottesdienste. Bei karitativen Vereinen arbeiteten die Gemeinden zusammen. Die Wohltätigkeit weitete sich auch auf andere Gemeinden im Russischen Reich und auf die russische Bevölkerung aus. So sammelten die Gemeinden nach dem Moskauer Hochwasser 1908 für russische Familien. Für wohltätige Zwecke musste immer wieder gesammelt werden, denn die Kirchenbeiträge waren trotz der überwiegend wohlhabenden Bevölkerung niedrig, von 12.400 Mitgliedern der Petri-Pauli-Kirche zahlten nur 270 Mitglieder insgesamt etwa 1.000 Rubel in die Gemeindekasse. Dank der Einführung des Systems der Selbstbesteuerung und Veröffentlichung der Schuldner flossen erheblich mehr Gelder in die Kirchenkasse. So ließ sich der Bau ein neues Gebäude der Gemeinde finanzieren. Die St. Michaels-Gemeinde plante zur Verbesserung der finanziellen Lage während des Ersten Weltkrieges den Bau von exquisiten Mietshäusern, was dann aber die Revolution 1917 verhinderte.
Berlin, im April 2019. Andreas Rösler
Quellen:
- Dönninghaus, Viktor: Die Deutschen in der Moskauer Gesellschaft. Symbiose und Konflikte (1494-1941). Schriften des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa. Band 18. München, R. Oldenbourg Verlag, 2002
- Stricker, Gerd: Rußland. Deutsche Geschichte im Osten Europas 7. Berlin, Siedler 1997
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Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Russland – Übersicht – Teil 2
Forschungsstelle Russlanddeutsche