Graf Jan Kiszka, Besitzer der Stadt Węgrów (dt. Wengrow) in Podlachien und letzter arianischer Magnat (gest. 1591), berief auf Empfehlung der Warschauer Evangelischen 1578 den Prediger Petrus Artomius-Krzesichleb nach Wengrow. Er sollte sowohl die Wengrower als auch die Warschauer Evangelischen betreuen. Von den Katholiken verfolgt und vielen Gefahren ausgesetzt, gab er hier sein Wirken bald auf. Die Warschauer Evangelischen hatten zu ihm kein besonderes Vertrauen, weil er es „mit den Reformierten hielt“. Im Laufe der Jahre ging die Herrschaft Wengrow in den Besitz des reformierten Fürsten Radziwill auf Birsen über. Christoph Radziwill, Großmarschall von Litauen, rief im Jahr 1630 die kalvinische Gemeinde ins Leben, die er mit Grundbesitz und Wohnung für den Prediger ausstattete.
Dessen Neffe Boguslaw Radzwill (Sohn des Janusz, des ältesten Bruders von Christoph) gründete die lutherische Parochie zu Wengrow. In seinem Privileg vom 25. Juni 1650 gestattete er den Evangelischen, in der auf dem Friedhof 1630 erbauten reformierten Holzkirche lutherischen Gottesdienst zu halten. Er schenkte auch den evangelischen Deutschen, die sich in Wengrow angesiedelt hatten, Haus und Garten für den Prediger. Die Gemeinde war vornehmlich für die in polnischen Diensten stehenden evangelischen Offiziere und für die in Wengrow ansässigen Lutheraner, wie auch für die Warschauer Evangelischen, geplant. Das Privileg vom 25. Juni 1650 erneuerte, erweiterte und bestätigte Luise Charlotte Radziwill, die einzige Tochter und Erbin des Fürsten Boguslaw Radziwill (gest. 1669) am 5. August 1687 zu Berlin. Danach bewilligte sie 400 Taler für den evangelischen Pastor jährlich aus ihren Zabludnowschen Gütern im Kreise Grodno sowie etwa 22 Morgen Land. Seit 1803 wurden die 400 Taler nicht mehr gezahlt. Am 4. Januar 1688 versprachen die Ältesten, „sich auch ihrerseits an die Bestimmungen des Privilegs zu halten“. Man dachte dabei vor allem an das friedliche Zusammenleben der Lutheraner mit den Reformierten. Wenige Jahre vorher (1681) verlieh die Fürstin Luise Charlotte den Wengrowern das Recht, die Prediger selbst zu präsentieren und zu wählen. Seit 1650 besaßen in Wengrow die Kalviner und die Lutheraner ein gemeinsames Gotteshaus (templum simultaneum) und eine genau vereinbarte Ordnung der Gottesdienste für den reformierten und lutherischen Geistlichen, die beide Pfarrhäuser und Gärten hatten. Das Zusammenleben und Zusammenwirken beider Gemeinden und ihrer Pfarrer verlief friedlich. Dieser Zustand dauerte bis zur Auflösung der Wengrower kalvinischen Parochie im Jahr 1779.
Ab dieser Zeit nutzte die Kirche kraft der faktischen Lage die lutherische Gemeinde allein, die in den Privilegien und sonstigen Schriftstücken als „sächsische“. bezeichnet wurde. Ihr erster Pastor Jonas Columbus führte in Wengrow die sächsische Liturgie und den lutherischen Katechismus ein. Damit wies er dem Wengrower Kirchspiel und seinem Filial in Warschau den Weg ihrer Entwicklung, was für sie später von entscheidender Bedeutung wurde. Von Wengrow aus — bei einer Entfernung von 70 km nach Warschau — bedienten beide Wengrower Pastoren die Warschauer Protestanten, natürlich der reformierte die Kalviner, zweimal jährlich, oft mehrere Wochen, wobei sie die Hauskapelle im sog. Brandenburger Hof benutzten. Diese Gottesdienste im ultrakatholischen Masowien, im Schatten des immer noch gültigen antievangelischen Ediktes von 1525, erregten im höchsten Maße den Unwillen der katholischen Geistlichkeit und Bevölkerung. Die Posener Bischöfe und die Lucker bedrängten und verfolgten die Evangelischen in Warschau resp. Wengrow, die auf hartumkämpften Posten standen. Ohne die Schutzmacht Brandenburg-Preußen hätten sie sich in der Zeit von 1650 bis 1775 schwerlich behaupten können. Die Lage der Wengrower Pastoren — von Jonas Columbus an, dessen Vokation Boguslaw Radziwill auf Wunsch der Warschauer Evangelischen am 5. April 1651 bestätigte, bis zum Pfarrer Christoph Grzegorzewski 1776 — war notvoll und schwierig. Einige Tatsachen mögen dies deutlich machen: Brandschatzung der Kirche 1679, Verbot ihres Wiederaufbaues, Schließung eines Notschuppens, der als Bethaus diente, durch den Lucker Bischof, Abhaltung der Gottesdienste im Pfarrhause von 1685-1689 durch Pastor Oloff, Untersagung des Tragens geistlicher Amtstracht, Verbot öffentlicher Leichenbegängnisse, Wegnahme zweier Glocken zwischen 1721-1728, Brandschatzung der Kirche 1769 und die Genehmigung zu ihrem Wiederaufbau — schon nach Erlangung der Religionsfreiheit 1768 — unter der unerfüllbaren Bedingung, das Gotteshaus binnen 24 Stunden zu errichten. Das scheinbar Unmögliche wurde geschafft! In der knappen Zeit erstellte man unter Führung des Pfr. Grzegorzewski aus einem Getreideschuppen eine neue Holzkirche auf dem evangelischen Friedhof.
Im Jahr 1781 war Terespol Filial von Wengrow; außerdem noch Bereisungsorte: Pruiany, Izabelin und Slonim. Da die Warschauer Evangelischen wohlhabender waren als die Wengrower unterstützten sie laufend ihre Muttergemeinde. So erneuerten sie 1778 ihre alten Verträge mit Wengrow und steuerten jährlich einen Zuschuß von 600 Talern für den Pastor bei. Diese Beihilfe leisteten sie bis 1796 (endgültig trennten sie sich von Wengrow 1800). In den Jahren 1762/63, als das hölzerne Pfarrhaus in Wengrow durch eine Feuersbrunst zerstört wurde, erbauten sie auf eigene Kosten ein steinernes Pastorat. Nach dem Wegfall der Unterstützungen durch die Warschauer Glaubensgenossen erwirkte bezeichnenderweise der Warschauer reformierte Supintendent Diehl für den Wengrower Pastor Goburek im Jahr 1812 eine Regierungsbeihilfe von 900 Złoty und für die folgenden Jahre 1.200 Złoty.
In den Jahren 1780 und 1782 tagten die Generalsynoden beider Bekenntnisse in Wengrow. Von 1796-1809 gehörte Wengrow zum österreichischen Westgalizien und unterstand der Superintendentur in Teschen. 1810-1815 dem Herzogtum Warschau zugeordnet, war es wieder dem Konsistorium in Warschau unterstellt. Durch Einwanderung deutscher Kolonisten und Handwerker in die Wengrower Gegend in der zweiten Hälfte des 18. und zu Beginn des 19. Jahrh. verstärkte sich zahlenmäßig der Bestand der Gemeinde. Im Jahr 1841 wurde eine neue steinerne Kirche erbaut, teils mit freiwilligen Gaben, teils auch mit staatlicher Hilfe. Für die Beschaffung von Geldmitteln setzte sich insbesondere General-Major Nikolaus von Korff II ein, Militärchef der Wojewodschaft Podlachien.
Am 27. Juni 1900 beging die Parochie ihr 250jähriges Jubiläum. Im Ersten Weltkrieg wurden Pfarrhaus und Schule sehr beschädigt, das alte wertvolle Pfarrarchiv sowie Glocke und z. T. Altargeräte vernichtet. Im Jahr 1938 bestand in Wiesental (poln. Łączka) ein kleiner Brüderkreis.
Zur Gemeinde gehörten 2 Kirchen (die gemauerte und die auf dem Friedhof, die als Begräbniskapelle genutz wurde), 10 Betsäle, 14 Friedhöfe, Pfarrhaus und Wirtschaftsgebäude sowie ein Altersheim. Im Jahr 1866 9 Kantorate und 11 Schulen, im Jahr 1925 nur 2 Kantorate. Im Jahr 1913 gehörten der Gemeinde 2.200 und im Jahr 1938 1.800 Seelen an.
Im Jahr 1923 75 Taufen, 21 Trauungen, 35 Todesfälle, 500 deutsche und 10 polnische Kommunikanten (1913: 1.242 deutsche und 20 polnische Kommunikanten).
Quellen:
Kneifel, Eduard: Geschichte der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, Niedermarschacht über Winsen an der Luhe 1962
Kneifel, Eduard: Die Pastoren der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, Eging, Niederbayern 1970
Kneifel, Eduard: Die evangelisch-augsburgischen Gemeinden in Polen 1555-1939, Vierkirchen über München 1971