Um 1800 wanderten Kolonisten aus Württemberg und z.T. auch aus Mecklenburg in die Gegend von Rawa ein und gründeten Frankenfeld (poln. Franciszków) und Strobów, dann um 1802 Erdmannsweiler (poln. Kochanów) und Birkenfeld (poln. Brzozów). Folgende weitere deutschevangelische Dörfer bestanden bereits um 1820: Anosław, Kaleń, Lochów, Raducz, Stanisławów, Studzianki und Tranopol.
Bald regte sich der Wunsch nach einer eigenen Gemeinde. So richteten am 20. September 1821 die Evangelischen dieser Kolonien sowie der Stadt Rawa, im ganzen 314 Familien, ein Gesuch an die Regierung um die kostenlose Überlassung der seit dreißig Jahren leerstehenden röm.-kath. Hl.-Geist-Kirche zu Rawa und des in der Nähe gelegenen baufälligen Spitals, das sie zu einem Pfarrhause einrichten wollten. Im Juni 1823 wandten sie sich mit einer im gleichen Sinn in französischer Sprache abgefaßten Eingabe an den Großfürsten Konstantin Pawłowitsch. Die gewünschte Kirche erhielten sie gegen Zahlung von 1.200 Gulden, das Spital hingegen nicht.
1825 konstituierte sich das erste Kirchenkollegium, das die Regierung am 1. September des Jahres bestätigte.
Das käuflich erworbene Gotteshaus wurde renoviert und ein Wohnhaus für Pastor und Kantor errichtet. Eine Orgel bezog man 1827 vom Orgelbauer Karl Żakiewicz aus Brzeziny. In demselben Jahr wurde das Dorf Taurow an die im Entstehen begriffene Parochie angeschlossen. Am 4. April 1829 erhielt sie von Joseph Kosiriski, dem Besitzer des Hl.-Geist-Dominiums, Morgen 66 Ruten Land gegen einen Jahreszinz von 22 Zł 10 Gr. Im Jahr 1829 war Rawa eine organisierte Gemeinde, um die sich der Apotheker Daniel Jende sehr verdient gemacht hat. Ihre Besetzung löste Streitigkeiten aus, die zunächst durch die Wahl Pastor Rötschers beigelegt wurden. Da man ihn aber auch in Alexandrow wählte und er schließlich Rawa nicht verlassen wollte, brachen neue Auseinandersetzungen aus. Am 28. Juni 1831 benachrichtigte ihn das Konsistorium, die polnische Regierung habe ihn abgesetzt, weil er verdächtigt werde, „der Sache des entstehenden Polens abgeneigt zu sein“. Nach seiner Amtsenthebung begab er sich nach Alexandrow, wo er wiederum Streitigkeiten hervorrief. Auf administrativem Wege wurde Rötscher von dort entfernt. Mit der Berufung des Pfarrers Karl Wilhelm Kliem 1832 normalisierten sich in Rawa die Verhältnisse. Im Jahre 1836 machten sich in der Pfarrei herrnhutische Familien ansässig. 1850 erweiterte man das hölzerne Pfarrhaus durch einen Anbau. Zur Amtszeit des Pfarrers Theodor Ludwig wurde 1860 das steinerne Pfarrhaus erbaut und 1862 die Kirche renoviert. Im Aufstand 1863/64 büßten 24 Gemeindeglieder ihr Leben ein.
Im Ersten Weltkrieg lag das Kirchspiel mitten im Frontgebiet an der sogenannten Bzura-Rawka-Linie. Die Dörfer waren zum Teil arg verwüstet, Kirche und Pfarrhaus stark beschädigt. Allein aus der Kolonie Józefów siedelten die russischen Militärbehörden fast 150 Deutsche aus und verbannten diese nach Rußland. 1917/18 amtierte in Rawa der reichsdeutsche Verweser Karl Kücherer, zu dessen Zeit die meisten der nach Rußland Verschleppten wieder zurückkehrten.
Von 1926-1928 emigrierten aus Kochanów zahlreiche Familien nach Kanada. In den Jahren 1929-1945 wirkte in Rawa Pastor Arnold Hammermeister. Bald nach seinem Amtsantritt wurde ein Posaunenchor ins Leben gerufen. 1929-1931 renovierte man die Kirche und erbaute einen Glockenturm. 1929 beging das Kirchspiel sein 100jähriges Jubiläum. Während der Feier verlas der Ortspastor aus der Gemeindechronik, die nach 1945 verlorenging, die Worte Daniel Jendes: „Wenn unsere Nachkommen das 100jährige Jubiläum des Bestehens der Kirche und Gemeinde begehen werden und unsere Gebeine längst vermodert sind, sollen sie sich der großen Opfer erinnern, die wir für den Aufbau der Kirche dargebracht haben.“ 1945 wurden durch den Bombenangriff russischer Flieger das Kirchen- und Turmdach beschädigt.
Zur Gemeinde gehörten 1 Kirche, 1 Bethaus, 2 Betsäle, 18 Friedhöfe. Im Jahr 1865 bestanden 14 deutsch-evangelische Schulen. Im Jahr 1923 wurden 95 Taufen, 84 Konfirmationen und 36 Trauungen durchgeführt, es gab 41 Todesfälle und 1.587 Kommunikanten. Der Gemeinde gehörten im Jahr 1938 3.000 Seelen an.
Quellen:
Kneifel, Eduard: Geschichte der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, Niedermarschacht über Winsen an der Luhe 1962
Kneifel, Eduard: Die Pastoren der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, Eging, Niederbayern 1970
Kneifel, Eduard: Die evangelisch-augsburgischen Gemeinden in Polen 1555-1939, Vierkirchen über München 1971