Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde Kempen i. Posen (Kępno)

Die Stadt Kempen wurde im Jahre 1661 in der Nähe eines altertümlichen, stark befestigten Schlosses Kempo mit Bewilligung des Königs Johann Casimir durch den Besitzer Adam von Rudnik Biskupski von deutschen Handwerkern, größtenteils Leinwebern und Tuchmachern, gegründet. Der Grundherr erteilte ihnen zugleich das Privilegium zur Errichtung einer evangelischen Kirche und Schule. Trotz des Widerspruchs des Propstes in dem nahen Städtchen Baranów fand in der neuerbauten Kirche unter dem genannten Grundherrn und seinem Nachfolger Martin Olszowa-Olszowski der Gottesdienst nach Augsburgischem Bekenntniss in deutscher und polnischer Sprache statt, während welcher Zeit Johann Spaniel (1675) und Johann Schupelius (1681) das Pfarramt verwalteten. Nachdem im Jahre 1684 eine katholische Kirche in Kempen errichtet war, wurde nicht nur jede evangelische Familie gezwungen, an den katholischen Pfarrer eine jährliche Abgabe von 2 Florin (Gulden) poln. (1 Mark) zu zahlen, sondern die katholische Geistlichkeit bot auch alles auf, um den evangelischen Gottesdienst ganz zu unterdrücken. Dies gelang im Jahre 1686. Nach dem Tode Olszowski’s befahl dessen Witwe den Gottesdienst solange auszusetzen, bis ihr Gatte beigesetzt sein werde; aber auch später durfte die Kirche nicht wieder eröffnet werden, vielmehr wurde der Pfarrer M. Samuel Springer im Jahre 1686 genötigt, die Gemeinde zu verlassen.
Neunzehn Jahre hatte die Kirche unbenutzt gestanden, als ein schwedisches Korps auf dem Zuge durch Großpolen im Jahre 1705 Kempen berührte. Die Schweden ließen die Kirche sofort öffnen und durch einen schwedischen Feldprediger Gottesdienst halten. Der vertriebene Pfarrer Springer, der sich wieder einfand, begab sich nach Rawitsch zu dem schwedischen König Carl XII., erwirkte von diesem die Erlaubnis zu freier Ausübung des evangelischen Gottesdienstes, und wiederum wurde darauf bis zum Jahre 1713 die Kirche unter Leitung des Pfarrers Springer und dessen Nachfolger Georg Ausersbach aus Oels unausgesetzt benutzt. Als die Schweden Polen verlassen hatten, begab sich Ausersbach, Gefangennehmung von Seiten der Konföderierten fürchtend, nach Medzibor in Schlesien, kam aber, – nicht ohne große Gefahr, – von Zeit zu Zeit nach Kempen, um in aller Stille die Gemeinde in gemeinsamen Gottesdiensten zu erbauen.
Da untersagte der katholische Pfarrer Simon Wolfo „weil ihm der Außersbach wie ein Wolf und Dieb in seine Jurisdiction eingefallen sei‟ allen evangelischen Gottesdienst in Kempen. Die hart bedrängte Gemeinde beschwerte sich bei dem Grundherrn Andreas Olszowski. Dies hatte zur Folge, daß ihr die Auslieferung des Kirchenschlüssel anbefohlen ward. Da die Gemeinde dieselbe verweigerte und die Erklärung abgab, sie hätte die Schlüssel nicht durch die Gnade der Grundherrschaft, sondern durch die Gnade des Königs von Schweden wieder erhalten, so wurde ihre Berufung auf einen Feind Polens für Rebellion erklärt, sie bei dem Tribunal in Lublin und beim bischöflichen Konsistorio in Breslau verklagt und darauf unter dem Vorsitz des bischöflichen Archidiakon Wesper aus Breslau verurteilt, die Kirchenschlüssel herauszugeben, die Kirche binnen sechs Wochen niederzureißen, dem katholischen Pfarrer 500 Mark zu bezahlen, in der katholischen Kirche öffentlich Abbitte zu leisten, nicht nur wie bisher für Taufen und Trauungen, sondern auch für Begräbnisse an den katholischen Pfarrer die Gebühren zu entrichten und die Leichen nur still beerdigen zu dürfen.
Hierauf wurde am 16. August 1718 die Kirche niedergerissen, Bilder, Bänke, Taufstein, Altar und Chor wurden in die katholische Kirche zu Kempen, das Geläute zur Kirche in Baranów genommen und die zur evangelischen Pfarrei gehörige Widmut dem katholischen Pfarrer zugeteilt. Aus dem Holz der Kirche wurde ein Wohnung für den katholischen Organisten und ein Schulhaus erbaut. Der evangelischen Gemeinde blieb von ihrem Grundbesitze nichts übrig als der Gottesacker.
Nach dem Verlust ihres Gotteshauses besuchten die evangelischen Einwohner von Kempen die unweit entfernten Kirchen in Schlesien. Vergebens traten sie in den Jahren 1747 und 1748 mit dem Städtchen Bralin in Schlesien wegen Errichtung eines gemeinsamen Gotteshauses in Unterhandlung, vergeblich auch sandten sie 1767 Abgeordnete an die Konföderation in Thorn; erst der Reichstag von 1775 erlöste sie von dem Druck, der auf ihnen lastete. Vom 21. Dezember 1775 an hielten sie mit Genehmigung der Synode zu Lissa zuerst wieder in einer von dem Bürger Johann Rumpel geschenkten, notdürftig zum Gottesdienste eingerichteten Scheune öffentliche Andachtsübungen, bei welchen schlesische Pastoren die Predigten übernahmen.
Nachdem darauf die Parochialverhältnisse geordnet worden, der Grundherr, der königl. poln. General-Adjutant Adam von Kromno-Piotrowski, nicht nur den Konsens zur Erbauung einer neuen Kirche, sondern auch die Plätze zur Kirche, Pfarrwohnung und Schule angewiesen und größtenteils das zur Kirche nötige Holz geschenkt hatte, wurde 1777 der Bau einer hölzernen Kirche begonnen und diese am dritten Ostertag (6. April) 1779 geweiht. Die polnische Predigt hielt Johann Wenzeslaus Sassadius, Pastor an der herzoglichen Schloßkirche zu Polnisch-Wartenberg, die deutsche Johann Kutsch, Kreissenior in Pitschen.
Hierauf trat der erste neugewählte Seelsorger Winkler sein Amt an. Der Bau eines Pfarr- und Schulhauses folgte. Zum Ausbau des ersteren bewilligte 1797 die südpreußische Regierung eine Landeskollekte, welcher der Minister v. Hoym einen landesherrlichen Zuschuß beifügte. Neues Unheil traf die Gemeinde, als am 15. August 1854 ein ansehnlicher Stadtteil nebst der Kirche und dem Pfarrhause ein Raub der Flammen wurde. Erst nach Überwindung vieler Schwierigkeiten und mit mannigfacher, insbesondere durch den Gustav-Adolf-Verein erlangter Beihilfe auswärtiger Glaubensgenossen kam die Gemeinde in den Besitz einer schönen, massiven, mit einem hohen Turme versehenen Kirche, welche am 8. Oktober 1863 durch den General-Superintendenten D. Cranz die Weihe erhielt. Im Jahre 1887 ward der Kirche von Fräulein Ida Bülow ein Legat von 3600 Mark zugewandt.
Die Parochie bestand, nachdem 1815 die Stadt Wieruszów nebst allen jenseits der Prosna in Russisch-Polen gelegenen Ortschaften von ihr getrennt und die Parochie Laski abgezweigt worden war, aus den Städten Kempen und Baranów und den Ortschaften: Vorwerk Baranów, Birkenfelde, Joachimsthal, Osin, Borek miel., Domanin, Grembanin, Klin, Kochlow, Kronschkow, Mianowice, Mielentschin, Mikorzyn, Myomice, Olßowa I, II und III, Przybyszew, Rzetnia, Szklarka mit Hipolitenpol und Julianpol, Turze, Veronikenpol, Slupia, Morawin, Oswiecim, Plugawice, Wygoda plug., Donaborowo, Jankow, Kierzno, Miechnice, Rudniczysko, Waldau mit zusammen 3251 Evangelischen.
Die Ortschaften Podsamtsche, Jutrkow, Kuznica-skakawa mit Kunzenruh, Lubczyn mit Jastrzab, Mirkow, Dobrygosce mit Dobrydzial, Wilhelmshof, Swiba, Teklinow, Naurath, Torceniec, Wyszanow wurden am 1. April 1889 zu einer mit Kempen verbundenen Filialgemeinde Podsamtsche vereinigt, die etwa 630 Seelen zählte. Die Eingepfarrten waren großteils unter Katholiken zerstreut. Die Landbewohner waren vorwiegend Polen, für diese fand polnischer Gottesdienst statt. Dieses Kirchspiel stand unter Privatpatronat der Herrschaft Kempen. Nachdem das Dominium durch Zersplitterung in die Hände einer großen Anzahl von Besitzern gekommen, wurden die Patronatsrechte nach einem Erlasse des Evangelischen Oberkirchenrats vom 26. September 1867 bis auf weiteres von dem Königlichen Consistorium ausgeübt.
Die evg. Kirche blieb im Besitz der evg. Gemeinde. Vom evg. Pfarramt wurden außerdem die Kirchengemeinden Schildberg, Schwarzwald und Grabow verwaltet.

 

Quellen:
Käding, Otto: Heimatbuch für den Kreis Ostrowo, Provinz Posen, mit angrenzenden Kreisen Kalisch und Kempen. Hrsg.: Heimatkreisgemeinschaft Ostrowo in d. Landsmannschaft Weichsel-Warthe e.V., Zsgest. von Otto Käding und Arno Pommerenke, Kirchlengern 1983, (180 S.)
Rosenberg, Josef C.T.: Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde Kempen; Festschrift zur Feier des 250jährigen Bestehens der Gemeinde, Kempen i.P. 1914.
Werner, Albert u. Steffani, Johannes: Geschichte der evangelischen Parochien in der Provinz Posen, Posen 1898, Seite 138 ff.
Schilberg, Woldemar: Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde Kempen in den Jahren 1914-1941, 1941; (Standort: Deutsches Historisches Institut, Warschau)
Sommer, C.E.: Kurze Geschichte der evangelischen Parochie und Kirche zu Kempen, im Schildberger Kreise, des Großherzogthums Posen. Aus dem im Kirchen-Archiv befindlichen schriftlichen Nachrichten zusammengestellt, Oels 1854.

 
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Evangelische Kirchengemeinde Kempen i. Posen

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