Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde Turek

 

Turek wird erstmalig 1136 erwähnt als „Turkowiste‟ in einer Urkunde von Papst Innozenz II. In der Tureker Gegend siedelten sich 1792 evangelische Kolonisten an. Nach 1820 wanderten evangelische Weber aus Sachsen, Schlesien und Westpreußen ein. Zu gleicher Zeit kamen katholische Weber aus Böhmen nach Turek, die 1828 mit ihren evangelischen Berufsgenossen eine Weberzunft gründeten. Im Jahr 1827 waren laut Eduard Kneifel in Turek 72 und im Jahr 1832 bereits 183 evangelischen Familien ansässigen. Da am Ort keine evangelische Gemeinde bestand, bediente zunächst die Tureker Evangelischen Pastor Karl Gottlieb Bartsch aus dem 9 km entfernten Władysławów. Die Regierungskommission für innere und geistliche Angelegenheiten bestätigte am 22. Juni 1827 Turek als Filialgemeinde von Władysławów, doch erwies sich diese Maßnahme wohl als verfrüht. Immer wieder klagte Pastor Bartsch, das Filial sei mangelhaft organisiert, ja ein ganz unvollkommenes und lebensunfähiges Gebilde, das der Neugestaltung bedürfe. Die Regierungskommission ordnete daher am 2. Oktober 1835 an, in Turek eine evangelische Kirche zu erbauen und die Parochie zu regulieren. Im Jahr 1837 erfolgte an Stelle der 1827 mehr formalen Einrichtung des Filials die tatsächliche Begründung der Filialgemeinde Turek und das Jahr 1845 gilt mit der am 10. Juli erfolgten Ernennung eines eigenen ortsansässigen Pastors durch das Generalkonistorium als Gründungsjahr der selbständigen evangelischen Kirchengemeinde Turek.

Die Revolution der Jahre 1830, 1831, die sich teils stark hemmend, teils zerstörend auf das einheimische Tuchmachergewerbe ausgwirkt hatte, traf die Baumwollweberei nicht so hart. Nach der Revolution erfolgte aus den Sudetenländern eine erneute starke Einwanderung von Handwerkern in die Industriestädte Mittelpolens. Auch die Tureker Weberzunft erhielt frischen Zustrom an Mitgliedern, darunter waren neben anderen kleineren Ortschaften aus Böhmen und Sachsen, meist die sächsischen Städte Ostritz, Zwickau und Zittau, teils die böhmischen Städte Rumburg (Rumburk), Leitmeritz (Litomĕřice) und Heinersdorf (Jindřichovice pod Smrkem). Aus Schlesien und Westpreußen wanderten ebenfalls einzelne Gesellen ein.
Nach 1837 führte an einer Verselbständigung der Tureker Evangelischen kein Weg mehr vorbei. Pastor Bartsch, der seit 1810 in Władysławów amtierte und bis zur Ansiedlung der evangelischen Weber in Turek sah der Trennung der gewerbetüchtigen Tureker Gemeindeglieder kritisch gegenüber. Der völligen Loslösung stand zum Teil auch der damals herrschende Pastorenmangel hindernd im Wege. Die Gottesdienste hielt Pastor Bartsch anfänglich im Klassenraum der deutschen Schule in Turek, die bis 1842 in einem gemeinsamen Hause mit der katholischen Schule untergebracht war. Von da ab auf Betreiben der Bürger selbständig wurde und bis 1919 als deutschsprachige Volksschule verblieb. Die umfangreiche seelsorgerische Tätigkeit nahm die Kräfte des greisen Predigers stark in Anspruch. Den strapazenreichen Amtsreisen war der alte Pastor nicht immer gewachsen. Darob entstand unter den Gemeindegliedern ab und zu Unzufriedenheit. Jedenfalls führte man Anfang 1837 eigene Seelenbücher ein.
Das Kirchenkollegium der Filialgemeinde Turek, an der Spitze mit dem Oberältesten der Bäckerzunft, Louis Ulrichs, war seit Jahren um die Anstellung eines eigenen Pastor bemüht. Nach vielen zeitraubenden Verhandlungen gelang es im August 1846 den aus Jänkendorf in der Lausitz stammenden Pastor Wilhelm August Posselt für die Gemeinde zu gewinnen. Die Hauptsorge des neu angestellten Seelsorgers und des Kirchenkollegiums galt dem Bau eines Gotteshauses in Turek. Die Gemeinde zählte 1850 bereits 555 Familien bei annähernd 2600 Seelen. In der Stadt selbst befanden sich 284 evangelische Familien, die 613 Seelen bildeten. Die übrigen evangelischen Gemeindeglieder verteilten sich auf fünf Kantorate: Młyny, Czyste, Wielopole, Kotwasice und Sarbice. Mit Ausnahme der Kantoratsgemeinde Wielopole, die Boden von mittelmäßiger Güte besaß, lagen die anderen Kantorate auf schlechtem Sandboden, mitunter zwischen kahlen Flugsandflächen. Die Dörfer der Gemeinde Młyny besaßen weite Wiesenflächen entlang der Warthe, die nicht immer sich durch guten Graswuchs auszeichneten.

Die ältesten Dörfer der Gemeinde Turek waren Czyste-Holland, Kaczka, Mechniówka (Mechnówka) und Łęg Wielki (Groß-Lengden), die um 1792 in Wald und Bruch angelegt worden waren. Um 1810 teilte der Grundherr des Gutes Piętno, Rudnicki, seine Felder, Waldungen und Wiesen an deutsche Kolonisten auf, es entstanden die Dörfer Wielopole, Kotwasice und Bibianna. Mit Ausnahme der beiden letzten Dörfer, die von schlesischern Siedlern besetzt wurden, die aus der Umgegend von Neu-Tomischel, Samter, Pleschen und Ostrowo kamen, wohnen in den übrigen deutschen Siedlungen Bauern pommerscher Herkunft. Die Bewohner von Wielopole kamen zumeist aus der Umgegend der Stadt Schönlanke (Trzcianka) und Margonin, vereinzelte aus den Kreisen Obornik, Wirsitz und Gnesen. Die Kolonisten der Kantoratsgemeinde Czyste wanderten, wie die Gründungsurkunde dies vermerkt haben soll, aus dem „Netzedistrikt‟ ein. Als Tochtersiedlungen sind die Dörfer Młyny Piekarskie, Józefów, Neu-Kaczka, die um 1842 vom Gute Piekary aus gegründet wurden, zu nennen. In gleicher Zeit siedeln sich deutsche Rodebauern in den Wäldern des Gutes Pęcherzew an, wobei die mit nur kleinen Landstücken bedachten deutschen Neudörfer Chlebów, Warynka, Aleksandrów und Pęcherzewek entstanden sind. Um 1850 kam das Gut Szadów Panski zur Aufteilung unter deutsche Kolonisten. Auf den verstreuten Orten des Gutes Słodków entstanden um die gleiche Zeit die Dörfer Budy Słodkowskie und Słodków-Kolonia.

Dieses starke Anwachsen der deutschsprachigen Bevölkerung im fünften Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts gab mit den Grund zur Berufung eines eigenen Pastors ab. Grabtafel Pastor Posselt Zieht man zudem in Betracht, daß um 1850 in der Nähe von Turek ansehnlicher deutscher Großgrundbesitz vorhanden war, es gehörten die Güter Skęczniew, Pęcherzew, Kaczki und Korytków deutschen Grundherrn, so werden die Entstehung einer selbständigen Gemeinde und der Bau eines Gotteshauses leicht begreiflich.
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Im Jahr 1850 wird Bauplan für die evangelische Kirche in Turek bestätigt. Es ist ein schlichter Kirchbau, dessen Baukosten sich auf 4.456 Rubel beliefen, wovon die Regierung 2.055 Rubel in Form einer viermaligen Teilzahlung als Bauhilfe übernahm. Baumeister Jasinski aus Kalisch hatte den Bauplan entworfen; Bauunternehmer J. Bagans aus Kalisch führte den Kirchbau durch. Der Friedensrichter und Gutsbesitzer Czyżewski, ein Katholik, schenkte an Baumaterial 20 Kiefernbalken und drei Eichen. Altar und Kanzel waren das Geschenk des Fabrikanten aus Zabrodzin, B. Müller.
Pastor Posselt war es nicht vergönnt, die Vollendung des Kirchbaus zu erleben. Die im Sommer 1852 in Mittelpolen herrschende Cholera raffte ihn am 17. Juli im Alter von 36 Jahren hin. Rechts am Eingang in den evangelischen Stadtfriedhof, bettete die trauernde Gemeinde ihren ersten Seelsorger zur ewigen Ruhe.

Am 3. August 1853 wählte die Gemeindeversammlung den jungen Hilfsprediger Karl Ludwig Teichmann, Sohn des reformierten Superintendenten in Warschau. In siebenunddreißigjähriger Amtstätigkeit ordnete und baute Pastor Teichmann das kirchlich-religiöse Leben der Gemeinde Turek aus. Grabmal Pastor Teichmann In seine Amtszeit fiel die Errichtung eines neuen Schulgebäudes. Die seelsorgerische Tätigkeit des 1869 zum Superintendenten der Kalischer Diözese ernannten Pastors Teichmann stand bei den Gemeindegliedern der Tureker Parochie im besten Angedenken. Der Nachfolger im Pfarramt wurde der am 10. April 1857 in Kalisch als Sohn des dortigen Lehrers geborene Pastor Adolf Schröter. In seiner Wirkungszeit spielte sich die starke Abwanderung der Stadtgemeindemitglieder nach dem Lodzer Industriegebiet ab, der um 1870 bis 1875 eine bäuerliche Auswanderung nach Wolhynien vorausging. 1893 betrug die Seelenzahl der Gemeinde nur 2.640.

Im Laufe der Jahre wurde der schlichte Kirchbau vom Wetterunbill hart mitgenommen. Der Kirchenraum erwies sich viel zu klein, der Turm wurde schadhaft. Der bekannte Lodzer Baumeister Wende erhielt bereits 1903 den Auftrag, für das Tureker Kirchlein entsprechende Bauanschläge vorzulegen. Die schweren Jahre der russischen Revolution 1905, dann die furchtbaren Zeiten des 1. Weltkrieges, ließen eine Ausführung der guten Wünsche kaum zu. Evangelische Kirche in Turek - Außenansicht Zudem zählte die Tureker Gemeinde keinesfalls zu den an zeitlichen Gütern reich gesegneten. Abgesehen von einzelnen wohlbegüterten Familien der Stadt, lagen die Vermögensverhältnisse der Landbevölkerung mit Ausnahme des Dorfes Wielopole weit unter mittelmäßig. Recht unvorteilhaft machte sich auf allen Lebensgebieten der Landgemeinden die schlechte Bodenbeschaffenheit des Ackerbodens bemerkbar.

Sechs Jahre amtierte in der Tureker Gemeinde Pastor Adolf Krempin, der nach hierher aus Praźuchy gekommen war. Er fand in der Gemeinde schwierige Verhältnisse vor, die er nach Möglichkeit zu beheben versuchte. Auf dem platten Lande machte sich trotz des Bestehens von fünf Kantoratsschulen dennoch der Analphabetismus bemerkbar. Die Visitation des Jahres 1907 stellte 20 v. H. Konfirmanden fest, die weder lesen noch schreiben konnten. Auch trübten Streitigkeiten mit den Kantoren das Gemeindeleben. Zum polnischen Gottesdienst bemerkte der Visitator: „Bei den polnischen Gottesdiensten, die acht Mal jährlich an den römischen Feiertagen stattfanden, ist die Kirche wenig besucht, obwohl die meisten unserer Glaubensgenossen auch polnisch verstehen.‟ Evangelische Kirche in Turek - Innenansicht Pastor Krempin ging im Herbst 1912 nach Lodz als Religionslehrer. Vom 1. Oktober 1912 an übernahm Pastor R. Paschke aus Koło als Pfarrverweser die Gemeinde Turek. Im April 1913 löste ihn Pastor Leo Sachs ab, der ein Jahr darauf zum ständigen Pastor gewählt wurde. Aus dem wohlgemeinten Interesse seiner Gemeinde ausgehend, betrieb Pastor Sachs mit Erfolg langwierige Prozesse um die Wiedergewinnung von Kantoratsländereien. Am 1. November 1938 beging das Kirchspiel sein 100jähriges Jubiläum.

Das deutschen Schulwesen in dieser Gemeinde verlor nicht zuletzt aus politischen Gründen zunehmend an Bedeutung. Die Stadt Turek besaß 1866 in einem eigenen steinernen Hause eine Elementar-Schule mit 120 Kindern. Religionsschulen oder Kantorate bestanden in Kotwasice (35 Kinder), Czyste (30 Kinder), Sarbice (25 Kinder), Wielopole (37 Kinder), Młyny (48 Knder). Insgesamt besuchten 293 Kinder deutschsprachige Schulen. Im Jahre 1919 bestanden die obengenannten Schulen in einem unveränderten Zustand. Nach 1925 verloren sämtliche Schulen ihr deutsches Gepräge.

 

Einige Zahlen über die Stadt Turek:

Jahr Einwohner Evangelische Deutsche
1800 537
1827 1594 165 282
1858 5405 645 1300
1892 7438 1015 2100
1897 9118 835 1500
1921 9948 699 k.A.
1931 9421 630 k.A.

 

Die Entwicklung der evangelischen Gemeinde Turek:

Jahrzehnt Geburten Todesfälle Trauungen
1837-1845 280 327 193
1846-1855 1608 1383 402
1856-1865 2024 1360 457
1866-1875 1969 1187 350
1876-1885 1611 1079 319
1886-1895 1512 892 270
1896-1905 1503 816 234
1906-1915 1261 790 232
1916-1925 847 694 242
1926-1935 840 604 281

 

Quellen:
Breyer, Albert: 100 Jahre evangelische Gemeinde Turek, in Hausfreund, Evangelischer Volkskalender für das Jahr 1937 53 (1937), S. 59–67
Kneifel, Eduard: 100 Jahre evangelische Gemeinde Turek, in Volksfreund-Kalender für das Jahr 1937 11 (1937), S. 161–171
Kneifel, Eduard: Die Evangelisch-Augsburgischen Gemeinden der Kalischer Diözese, Plauen im Vogtland 1937
Kneifel, Eduard: Geschichte der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, Niedermarschacht über Winsen an der Luhe 1962
Kneifel, Eduard: Die Pastoren der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, Eging, Niederbayern 1970
Kneifel, Eduard: Die evangelisch-augsburgischen Gemeinden in Polen 1555-1939, Vierkirchen über München 1971

Quellen:
Fotos der Grabsteininschriften: Dieter Pechner, Wesel
Fotos der ev. Kirche in Turek: Sonya Fischer, Stratford, Ontario, Canada

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