Geschichte der jüdischen Gemeinde Tuliszków

Die ersten Juden siedelten zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Stadtgebiet von Tuliszków (Hebr. טולישקוב). Davor war es ihnen untersagt worden, sich in dem Ort niederzulassen. Kurz nach ihrer Ankunft legten die Juden einen Friedhof an und errichteten eine Synagoge. Zur jüdischen Gemeinde von Tuliszków gehörten auch einige chassidische Gebetsgemeinschaften (Hebr. minjanim, מניינים) mit eigenen Gebetsräumen, shtiblekh[1] (Jidd. שטיבלעך) oder klayzlekh (Jidd. קלײַזלעך) genannt. Die Juden verdienten ihren Lebensunterhalt als Händler für Getreide, Holz und Nutztiere. Andere waren Handwerker und Kleinhändler. Mehrere jüdische Familien betrieben Landwirtschaft und bewirtschafteten eigene Ackerflächen.

Eine Reihe von Juden aus Tuliszków beteiligte sich aktiv am polnischen Januaraufstand von 1863 gegen die russische Vorherrschaft. Einer der Aufständischen war Jakob Moshe Skowron. Er wurde von den russischen Behörden zum Tod durch den Strang verurteilt, sein Leben wurde aber dank des Eingreifens polnischer katholischer Geistlicher verschont.

In den 1920er Jahren lebten etwa 260 Juden in der Stadt. Rabbi Joel Fuchs war in dieser Zeit der Rabbiner der Gemeinde. Er war im öffentlichen Leben der Gemeinde sehr aktiv und darüber hinaus Mitglied der religiös-zionistischen Partei "Misrachi" (Hebr. מזרחי; "nach Osten" und auch Akronym für מרכז רוחני, merkas ruchani = "geistiges Zentrum") [Für Informationen zum Zionismus und den zionistischen Strömungen siehe zum Beispiel den Artikel "Die Entwicklung des politischen Zionismus nach Herzl" von Michael Brenner auf der Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung (besucht am 6. Juni 2015)].

Zwischen den beiden Weltkriegen verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation der jüdischen Bevölkerung von Tuliszków und es kam zu Übergriffen auf jüdische Händler von Seiten lokaler Antisemiten. Als Folge davon verließen viele Juden den Ort und zogen in die größeren Städte oder gingen ins Ausland. In dieser Zeit verkleinerte sich die jüdische Gemeinde um etwa 30 %.

Die Deutschen besetzten Tuliszków zu Beginn des Zweiten Weltkrieges und setzten sogleich die üblichen drastischen Maßnahmen gegen die Juden in Gang: Zwangsarbeit, Zwangsabgaben, Beschlagnahme von Eigentum, Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, Gewalt gegen ältere Menschen und Erniedrigungen. Ende November 1939 wurde den Juden von Tuliszków angeordnet, Armbinden mit dem Davidstern zu tragen. Ein so genannter Judenrat wurde im Dezember 1939 geschaffen, der damit beauftragt wurde, die gesamte jüdische Bevölkerung zu registrieren. Als Judenrat, oder auch Ältestenrat, werden die Zwangskörperschaften der Juden bezeichnet, die von den Nationalsozialisten in den besetzten Ländern gegründet wurden mit dem Ziel, ein Instrument zur Kontrolle der Juden zu schaffen, um sie von der Außenwelt zu isolieren und um sicherzustellen, dass sie die erlassenen Vorschriften einhalten. Im Januar 1940 wurden alle Juden in einem Ghetto konzentriert – einem der ersten Ghettos, die in der gesamten Region geschaffen wurden. Die deutschen Besatzer kappten die Stromverbindungen zu den Häusern im Ghetto und verboten den Juden die Mitnahme von Möbeln, Pelzen und neuer Kleidung. All diese Besitztümer wurden beschlagnahmt und unter der lokalen nichtjüdischen Bevölkerung verteilt. Im Oktober 1941 wurde das Ghetto aufgelöst und seine Bewohner in das Dorfghetto Czachulec (Hebr. גיטו הכפרי צ’חולץ) in der Nähe von Kowale Pańskie (Hebr. קובלה פנסקיה, Jidd. קאָוואַלע פּאַנסקיע) deportiert. In dieses Ghetto, das von den deutschen Besatzern "Kolonie" genannte wurde, waren etwa 4000 Juden des Landkreises Turek (Russocice, Dobra, Uniejów, Tuliszków, Władyławów, Brudzew und weitere Orte) gebracht worden. Zwischen 1942 und 1943 deportierten die Deutschen schließlich alle Juden der Region in das Vernichtungslager Kulmhof (Vernichtungslager Chełmno; Hebr. מחנה ההשמדה חלמנו) in Chełmno nad Nerem.

Während des Zweiten Weltkrieges zerstörten die deutschen Besatzer die im 19. Jahrhundert errichtete Synagoge in der Straße des Ersten Mai (ulica 1 Maja) und bauten das Gebäude mit Büroräumen als Arbeitsamt wieder auf. Nach dem Krieg wurden die Räumlichkeiten in Wohnungen umgewandelt.

Bevölkerungszahlen[2]
Jahr Gesamtbevölkerung Juden
1808 604 16
1827 926 51
1857 1099 83
1897 1794 200
1921 2358 260
1. Sep. 1939 (?) ca. 230
Schoah-Märtyrer der jüdischen Gemeinde Tuliszków[3]
Familie Urbach (Auerbach?) Familie Gitl und Andrzej Wartski
Familie Gerschon Familie Josef Herzberg
Familie Mordechai Eliah Wartski Familie Chmielnik
Familie Eliezer Wartski Familie Jakobowitz
Familie Jeschajahu Wartski Familie Hela Kowalski
Familie Leibel Wartski Familie Hela Kowalski
Familie Schmuel Wartski Familie Mairants

 

[1] Ein shtibl (Jidd. שטיבל = "kleiner Raum", "kleine Stube", "kleines Haus") oder klayzl (Jidd. קלײַזל; "kleines Konventikel", "kleine Gruppe Gleichgesinnter") bezeichnet einen Gebetsraum bzw. ein kleines Gebetshaus der Chassiden. Chassiden bzw. Chassidim (Hebr. חסידים = "die Frommen") nennen sich die Anhänger einer ursprünglich in Osteuropa entstandenen jüdischen Strömung, die sich durch eine besondere Tora- und Talmudgelehrsamkeit hervorheben. Die shtiblekh waren in der Regel bescheidene Zimmer mit einigen Tischen und Bänken, in denen die Chassiden beteten und dem Studium der religiösen jüdischen Schriften (Tora und Talmud) nachgingen. Darüber hinaus trafen sich hier die Mitglieder der chassidischen Gemeinde mit ihrem geistigen Führer, Rebbe oder Zaddik genannt, und nahmen, besonders am Schabbat und an den jüdischen Feiertagen, gemeinsam die Mahlzeiten ein. Das shtibl war somit das Zentrum des gesellschaftlichen Lebens der Chassiden. (Für weitere Informationen zum Chassidismus siehe z.B. den Artikel von Yeshayahu Balog und Matthias Morgenstern, "Der Chassidismus – eine mystische Bewegung im osteuropäischen Judentum", EGO: Europäische Geschichte Online [2010].)
[2] Danuta Dąbrowska und Abraham Wein (Hrsg.), Pinqas ha-qehillot Polin: ʿentsiqlopedyah shel ha-yishuvim ha-yehudiyim le-min hivasdam ve-ʾad le-ʿahar shoʿat milkhemet ha-ʾolam ha-shniyah [Pinkas HaKehillot Poland: Encyclopaedia of Jewish Communities], Bd. 1: Lodz ve-ha-galil [The Communities of Lodz and its Region] (Jerusalem: Yad Vashem, 1976), S. 123 [Hebräisch].
[3] Eliezer Esterin (Hrsg.), Sefer zikaron le-qehilat Tureq ve-li-qedoshehah [Turek: A Memorial to the Jewish Community of Turek, Poland] (Tel Aviv: Turek Organization in Israel, 1982), S. 450 [Hebräisch].

 

Text: Karsten Mettendorf

Quellen:

  • Michael Alberti, Die Verfolgung und Vernichtung der Juden im Reichsgau Wartheland 1939–1945 (Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, 2006), S. 203.
  • Przemysław Burchard, Pamiątki i zabytki kultury żydowskiej w Polsce: Zebrał, opracował i wstępem opatrzył (Warschau: Piotr Piotrowski, 1990), S. 107 [Polnisch].
  • Danuta Dąbrowska und Abraham Wein (Hrsg.), Pinqas ha-qehillot Polin: ʿentsiqlopedyah shel ha-yishuvim ha-yehudiyim le-min hivasdam ve-ʾad le-ʿahar shoʿat milkhemet ha-ʾolam ha-shniyah [Pinkas HaKehillot Poland: Encyclopaedia of Jewish Communities], Bd. 1: Lodz ve-ha-galil [The Communities of Lodz and its Region] (Jerusalem: Yad Vashem, 1976), S. 123 [Hebräisch].
  • Eliezer Esterin (Hrsg.), Sefer zikaron le-qehilat Tureq ve-li-qedoshehah [Turek: A Memorial to the Jewish Community of Turek, Poland] (Tel Aviv: Turek Organization in Israel, 1982), S. 318, 424 [Hebräisch].
  • Magdalena Wójcik, "Tuliszków: Społeczność żydowska przed 1989: Historia", Projekt Virtuelles Schtetl, Warschau: POLIN Museum für die Geschichte der Polnischen Juden (Hrsg.) (besucht am 4. Juni 2015) [Polnisch].
  • "Tuliszków", Yad Vashem – Die Behörde zum Gedenken an die Märtyrer und Helden des Holocaust (Hrsg.) (besucht am 4. Juni 2015) [Hebräisch].
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