Gemeinde Mościce (Neudorf-Neubruch)
Graf Raphael Leszno-Leszczyński setzte 1616 in Neudorf-Neubruch am Bug, auch Schlawatitz bezeichnet, zuletzt in Mościce umbenannt, 14 Familien aus den Weichsel-Werdern bei Danzig an. In dem ihnen am 3. Juni 1617 verliehenen Privileg werden genannt: Paul Rühl, Christopher Mamrau, Jakob Mamrau, Bartholomäus Lodwig, Elias Horn, Joachim Asmann, Georg Otto, Joachim Ties, Georg Sillentin, Peter Kelt, Cornelius Kelt, Joseph Kuntz, Gregor Olbrecht und Wilhelm Witt. Sie waren weder Pommern noch Masuren, sondern deutsch-evangelische Kolonisten „aus den preußischen Werdern‟. Von Leszczyński erhielten sie zur Urbarmachung Ländereien am Bug, sechs Freijahre, das Recht der Religionsausübung sowie des Kirch- und Schulbaues. Im J. 1617 erbauten sie Kirche und Pfarrhaus, wozu ihnen der Grundherr Holz und Steine geschenkt hat. 1617 ist somit das Gründungsjahr der Kirchengemeinde Neudorf-Neubruch resp. Schlawatitz, 12 Meilen von Lublin entfernt, so nach dem in der Nähe gelegenen Ort genannt.
Bei einem Kosakenüberfall im Jahr 1648 wurden Kirche und Pfarrhaus mitsamt dem Pfarrarchiv zerstört, wie auch die Wirtschaften der Siedler gebrandschatzt oder ausgeplündert. Durch die Vernichtung des Archivs ging wertvolles Material über die Anfänge des Gemeindewesens von 1617-1648 und über die ersten Pastoren verloren. Pfarrer Jonas Columbus flüchtete beim Überfall der Kosaken, und seine Gemeindeglieder suchten Unterschlupf in den Wäldern.
Unter Zusicherung der Schonung ihres Lebens traten einige Gemeindemitglieder zur griechisch-orthodoxen Kirche über. Bei ihrem Rückzug verdächtigten die Kosaken die „Neubekehrten‟, sie würden ihrem griechisch-orthodoxen Glauben nicht treu bleiben und töteten 70 Neudorfer Männer, Frauen und Kinder. Andere Kolonisten, die in ihren Schlupfwinkel geblieben waren, überlebten. Durch das „Blutbad von Neudorf‟ waren die Siedler in ihrem Bestand so geschwächt, daß neue Bauern — Baum, Bütow, Hildebrand, Holz, Hüneborg, Krebs, Schippenbeil u.a. — ihre gelichteten Reihen ergänzten. Da die Neudorfer nunmehr keine Kirche hatten, bat Pastor Columbus im Mai 1649 die Synode zu Bełżyce um Zuweisung eines unter dem Schutze eines Adligen stehenden Ortes in der Nähe von Lublin, wo die Neudorfer lutherische Gottesdienste aufsuchen könnten. Die Synode benannte das unweit von Lublin gelegene Piaski, mit dem Vorbehalt der Benutzung des dortigen reformierten (ehemals sozinianischen) Bethauses bis zum Wiederaufbau eines lutherischen Gotteshauses in Neudorf. Da die Lubliner Evangelischen durch den Zwang der damaligen Verhältnisse ihren religiösen Mittelpunkt in Piaski hatten, so wurden sie hier von den Neudorfer Pfarrern mit kleinen Unterbrechungen von 1649 bis 1784 bedient.
Die durch den Überfall verarmten Kolonisten waren nicht imstande, eine neue Kirche zu erbauen, sondern nach 1649 nur ein schlichtes Pfarrhaus zu erstellen. Und so errichteten sie eine Kapelle aus Brettern, die ihre religiösen Bedürfnisse notdürftig befriedigte. In den Jahren 1690-1694 konnte die Kapelle mit der östlichen Kirchenhälfte vermittelst eines gemeinsamen Daches verbunden werden. Die westliche Kirchenhälfte fügte man durch einen Bau an die östliche bis 1702 an, worauf dann die Kapelle niedergerissen wurde. Im Jahr 1670 dotierte Graf Andreas Leszczyński die früher nur mit 4 Morgen ausgestattete Pfarre mit 45 Morgen Acker. Im Jahr 1709 brannte das Pfarrhaus ab. Der Grundherr, Fürst Karl Stanisław Radziwill, bestätigte im Privileg vom 22. September 1712 die Rechte der evangelischen Kolonisten. Mit Hilfe Fürsten Karl Radziwill begannen die Siedler 1777 den Bau einer neuen hölzernen Kirche und weihten diese am 15. November 1778 als St.-Trinitatis-Kirche.
Die Tätigkeit der Neudorfer Pfarrer erstreckte sich außer auf Piaski noch bis Krakau hinauf, nach Wolhynien und Galizien. Es war ein Bereisungsbezirk, der an die jeweiligen Amtsträger sehr große Anforderungen stellte. Pfarrer Georg Abrahamowicz führte, da seine Eingepfarrten die deutsche Sprache nicht mehr beherrschten, die polnische Kirchensprache ein. Er verfaßte auch eine Kirchenchronik von Neudorf-Neubruch. Pastor Ernst Gustav Julius Freyer scheiterte mit dem Versuch der Gemeinde wieder ein deutsches Gepräge zu geben.
Das 1828 erstellte Pfarrhaus ersetzte man 1887 durch einen Neubau, zu dessen Errichtung die Unterstützungskasse der Evang.-Luth. Kirche Rußlands eine Beihilfe von 1400 Rbl gewährte. Im Jahr 1902 wurde die Neudorfer hölzerne Kirche mit Hilfe der Unterstützungskasse, die einen Betrag von 2000 Rbl bewilligte, umgebaut und am 17. November d. J. eingeweiht. Sie zählte 1200 Sitzplätze.
Im Ersten Weltkrieg blieb die Neudorfer Gemeinde von der Verbannung nach Innenrußland mit der Begründung verschont, sie sei eine „holländische‟ und ihre Glieder demzufolge „Holländer‟. In die Propstei Wilna einbezogen, gehörte sie zum Kurländischen Konsistorialbezirk, während einzelne ihrer Kolonien, die in Wolhynien lagen, administrativ dem St. Petersburger Konsistorium unterstanden.
Gemäß Erlass des Kultusministeriums vom 31. Oktober 1921 übernahm das Warschauer Evang.-Augsb. Konsistorium die Aufsicht über die evang.-augsb. Parochien in den Wojewodschaften Białystok, Nowogródek, Polesie und Wolhynien. Damit wurde auch Neudorf-Neubruch an den Warschauer Konsistorialbezirk angegliedert.
Auf Betreiben des Pfarrers Ewald Lodwich änderte man 1928 anläßlich des Besuches des polnischen Staatspräsidenten Mościcki den alten Dorfnamen Neudorf-Neubruch in „Mościce‟.
Die landarmen Eingepfarrten suchten als Erdarbeiter beim Bau von Eisenbahnstrecken Beschäftigung und Lohn. Als solche hatten sie durch ihren Fleiß und ihre Zuverlässigkeit weithin einen guten Ruf.
Filial Zamostecze
Zamostecze, im Wladimir-Wolhynskischen Kreise gelegen, war eine Tochtersiedlung von Neudorf am Bug und gehörte auch kirchlich-administrativ dorthin. Vor dem Ersten Weltkrieg betrug die Zahl der evangelischen Polen hier 150. Sie dürfte auch um 1939 nicht wesentlich höher gewesen sein. Der Erhebung zum Filial lag vermutlich die Absicht zugrunde, Zamostecze einen organisatorischen Rückhalt zu geben und es noch besser zu betreuen. Bereits vor demInkrafttreten des Kirchengesetzes von 1936 dürfte die Filialgründung erfolgt sein. Der Pastor von Mościce verwaltete das Filial in polnischer Sprache.
Filial Olendry Zabuskie
Olendry Zabuskie, gleichfalls eine Tochtersiedlung von Neudorf am Bug, entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Kirchlich war die Kolonie mit der Gemeinde Neudorf am Bug verbunden, deren Pastoren sie viermal jährlich in polnischer Sprache bedienten. Die Zahl der evangelischen Polen vor dem Ersten Weltkrieg belief sich hier auf 400 (1938: 450). Ein Bethaus war vorhanden. Die Siedlung lag im Wladimir-Wolhynskischen Kreise. Während die Parochie Neudorf am Bug in den Kurländischen Evang.-Luth. Konsistorialbezirk einbezogen war, gehörten die in Wolhynien gelegenen Dörfer, wie auch Zamostecze, Olendry Zabuskie und Olendry Świerzewskie, zum St. Petersburger Konsistorialbezirk. Auf Grund des Kirchengesetzes 1936 wurde Olendry Zabuskie ein Filial von Neudorf am Bug.
Filial Olendry Świerzewskie
Das Dorf Olendry Świerzewskie wurde von Neudorf am Bug aus am Ausgang des 18. Jahrh. gegründet. Es gehörte kirchlich nach Neudorf, lag im Wladimir-Wolhynskischen Kreise und zählte vor 1914 250 evangelische Polen (1938: 300). Die Neudorfer Pfarrer hielten hier viermal jährlich Gottesdienst in polnischer Sprache. Im Jahr 1873 wurde eine kleine Kirche erbaut, wohl die gleiche hölzerne von 1911 mit 200 Sitzplätzen. Außer pastoralen Gottesdiensten fanden auch Leseandachten statt. Für die Bereisung zahlten sowohl die Olendry Świerzewskie als auch die Olendry Zabuskie dem Pastor vor 1914 je 40 Rbl jährlich. Das Kirchengesetz 1936 erhob die Kolonie zur Filialgemeinde von Mościce.
Quellen:
Kneifel, Eduard: Geschichte der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, Niedermarschacht über Winsen an der Luhe 1962
Kneifel, Eduard: Die Pastoren der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, Eging, Niederbayern 1970
Kneifel, Eduard: Die evangelisch-augsburgischen Gemeinden in Polen 1555-1939, Vierkirchen über München 1971