Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde Żyrardów / Wiskitki

Die Gemeinde Wiskitki, später in Żyrardów

Um das J. 1800 siedelten in und um Wiskitki evangelische Deutsche. Graf Felix von Łubieński, der Besitzer der Güter Guzów, gründete 11 weitere deutsche Dörfer: Antoniew, Babsche Buden, Bieganów, Felixdorf, Francisków, Heinrichsdorf, Josefhof, Marienfeld, Moritzin, Teklin und Zader-Buden. In der Zeit 1807-1835 etablierten sich die Siedlungen Aleksandria und Benenard. Die Kolonisten stammten vorwiegend aus Westpreußen, Brandenburg und Schlesien. Sie wurden anfangs von Pfarrer Witthold aus Ilów bedient. Dank der Unterstützung durch den Grafen Łubieński organisierte sich im J. 1805 hier die Parochie, deren erster Gottesdienst in einem Betsaal von Pastor Friedrich Ernst Eisenhauer gehalten wurde. Die Zahl der eingepfarrten Familien betrug 180, die sich aber durch die bald ausgebrochenen Kriegswirren um die Hälfte verminderte. Bei der Gemeindebildung dotierte Łubieński die Pfarre mit 1,05 Hufen Land, 0,75 Morgen Küsterland und beabsichtigte neben dem Wohn- und Wirtschaftsgebäude auch eine Kirche zu bauen. Außerdem gab Łubieński in seinem Hause zu Wiskitki einen Raum zum Betsaal sowie noch andere für den Pastor und die Kirchenbediensteten. 1822 brannte das Pfarrhaus ab. Da die Parochie unzulänglich organisiert war, wechselten nach kurzer Tätigkeit die Pfarrer bis zur Vakanz von 1836-1855 und ihrer Verwaltung von Łowicz aus. In dieser Zeit sank Wiskitki zu einem Filial von Łowicz herab. Erst mit dem Amtsantritt von Pastor Rudolf Zirkwitz im Jahr 1855 nahm die Gemeinde einen kräftigen Aufschwung und wurde wieder selbständig. Von 1855-1857 baute man die steinerne und im schlichten gotischen Stil gehaltene St.-Trinitatis-Kirche. Sie wurde am 12. Oktober 1862 eingeweiht. Noch vorher, und zwar 1860, errichtete man das Pfarrhaus. 1864 bezog das Kirchspiel eine Glocke von der Firma Petersilge in Warschau. Im Jahr 1871 wurde das Filial Karolew an die Gemeinde angegliedert. Die Stadt Błonie bereiste der Pastor von Wiskitki viermal im Jahr. Die Absicht, hier ein Filial einzurichten, ließ sich nicht verwirklichen.

Für die weitere Entwicklung der Parochie war die Entstehung des Fabrikortes Żyrardów von eminenter Bedeutung. Im Jahr 1833 verlegte man die vom französischen Ingenieur Philipp Girard erfundenen mechanischen Spinnmaschinen aus Marymont bei Warschau nach Guzów am Flüßchen Pissia. Hier kam es zur Gründung eines neuen Ortes, dem man zu Ehren des Erfinders den Namen Żyrardów gab. Die Fabriksiedlung mit dem Unternehmen wollte trotz der finanziellen Kredithilfe durch die Polnische Bank nicht recht vorankommen. Im Jahr 1856 erwarben die Firma die aus Schönlinde in Böhmen stammenden deutsch-katholischen Fabrikanten Karl August Dittrich und Eduard Hille. Durch ihre unternehmerische Tatkraft — Anschaffung der Dampfmaschinen im Jahr 1865 — und planvolle Leitung entwickelte sich die Fabrik sehr gut und zog auch überschüssige Arbeitskräfte aus den deutschen Dörfern an sich. Im Jahr 1890 zählte man in Zyrardów bereits 3900 ansässige Evangelische, deren kirchliche Versorgung von dem 6 km vom Fabrikort gelegenen Wiskitki als ganz unzureichend und reformbedürftig empfunden wurde.

Mit Pastor Wilhelm Petrus Angersteins Berufung nach Wiskitki 1875 setzte ein neuer Abschnitt in der Entwicklung an. Im Jahr 1877 gründete er den Kirchenchor, führte eine strenge Kirchenzucht ein, nahm sich mit Sorgfalt des Konfirmandenunterrichts an und hielt die ersten Missionsfeste in Wiskitki im Raume der augsburgischen Kirche. Seine Arbeit setzte religiös und kirchlich Pastor Gustav Gundlach in den Jahren 1889-1898 fort. Er war maßgeblich daran beteiligt, daß in &379;yrardów eine gotische Kirche — 43 m lang, 18 m breit und 50 m mit dem Turm hoch erbaut wurde. Dittrich, der Mitinhaber des Żyrardówer Unternehmens, spendete allein zum Kirchbau 20.000 Rubel. Annähernd 30.000 Rubel setzten sich aus einzelnen Opfergaben zusammen. Am 25. September 1898 wurde die Kirche eingeweiht. Die drei Glocken spendeten die Fabrikbeamten, Arbeiter und Stadtbürger. Die Orgel bezog man von der Firma Rieger. Durch den Kirchbau veranlaßt, verlegte man das Gemeindezentrum nach Żyrardów.

Zur Zeit von Pastor Hugo Wosch 1898-1918 wurden die Wohnungen für Kantor und Küster sowie Konfirmandensaal errichtet. Seit 1898 bestand in Wiskitki ein Greisenheim. Durch die starke Auswanderung nach den USA sank die Zahl der Eingepfarrten. Der russisch-japanische Krieg und die darauf folgende Revolution wirkten sich im Gemeindeleben negativ aus. Im Ersten Weltkrieg 1914-1918 blieben durch Deportation von den ehemals 4500 Gemeindegliedern nur 300 zurück. Das Pfarrhaus wurde durch Kriegshandlungen erheblich beschädigt. In Wiskitki requirierten die deutschen Besatzungsbehörden eine Glocke. Von Warschau aus, wo Pastor Wosch die dortige Gemeinde zeitweilig administrierte und seinen Wohnsitz hatte, verwaltete er auch Żyrardów. 1918 kehrten die nach Rußland Deportierten zurück. Mit der Übernahme des Żyrardówer Unternehmens durch eine französische Gesellschaft vollzog sich ein Verwaltungs- und Beamtenwechsel. Von 1922-1939 amtierte hier Pfarrer Otto Wittenberg. 1922 organisierte sich die Gesellschaft evang. Jugend; ihr folgten ein Frauenbund, ein gemischter Chor und ein Männerchor.

 

 

Das Filial Karolew

Der Gutsbesitzer Karl Wohlhübner setzte 1825 in Karolew deutsche Kolonisten an. Petrykozy Holl. wurde schon um das Jahr 1800 vom Gute Petrykozy aus gegründet. Durch neue Ansiedler wurden die Dörfer Wola Karolewska, Huta Józewska, Budki Petrykoskie, Nosy Poniatki, Parcele Petrykoskie, Grzegorzewice, Zimnice, Lindów u. a. verstärkt. Die Siedlungen Józefów und Wólka Zaleska verdankten ihre Entstehung um 1900 der Aufteilung eines Gutes. Im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrh. erbaute man in Karolew eine hölzerne Kirche mitsamt einer Schule. Die Kirche wurde dann für Wohnzwecke verkauft und 1893 ein neues gemauertes Gotteshaus erbaut. Fast die Hälfte der Bausumme zur Errichtung der Kirche brachte der Gutsbesitzer von Petrykozy Alexander Stremer selbst auf. Der besaß große, ausgedehnte Baumschulen. U. a. bepflanzte er die Straße von Karolew nach Grójec mit Obstbäumen. Für diesen Pomologen ist bezeichnend, daß er, um die Obstkultur unter der evangelischen Bevölkerung zu heben, jedem evangelischen Täufling 5 Obstbäume und jedem evang. Brautpaar 10 Obstbäume geschenkt hat. Alexander Stremer fand seine letzte Ruhe auf dem evang. Friedhof in Karolew.

Die Evangelischen in und um Karolew bereisten die Pastoren von Ilów, dann die von Rawa Maz. und seit 1871 die von Wiskitki-Zyrard6w. Bis zum Jahr 1835 hatten hier die Evangelischen ihre Kinder in der römisch-katholischen Kirche zu Lutkówka taufen lassen. 1871 schlossen sie sich zum Filial Karolew zusammen. Während des Ersten Weltkrieges wurden die Karolower Kirche und Schule niedergebrannt. Die etwa 700 Filialmitglieder wurden 1915 bis auf 30 mit ihrem Lehrer und Kantor Johann Raths nach Innenrußland deportiert. Im Jahr 1918 kehrten die meisten wieder zurück. Am 25. Januar 1920 starb Lehrer und Kantor Raths, der 50 Jahre in verschiedenen Gemeinden bei Warschau tätig war. Im Mai 1923 weihte Pastor Wittenberg aus Żyrardów die neue Kirche ein, die das Filial mit eigenen Mitteln und auch mit Hilfe des Konsistoriums erbaut hatte. Nachstehende Lehrer und Kantoren amtierten in Karolew: Schumann, Krüger, Fandrich, Samuel Friedrich, Johann Raths, Johann Herbstreit, Heberle, Edmund Kugler, 1929-1940 und Kubke (im Zweiten Weltkrieg). Die Schule in Karolew besuchten 1939 120 bis 130 Kinder. Lehrer Kugler entfaltete in Karolew eine positive Tätigkeit. Im September 1939 wurde er mit noch anderen Filialmitgliedern im polnischen KZ Bereza Kartuska interniert. Im Jahr 1944 evakuierten die deutschen Besatzungsbehörden die Filialangehörigen. Die von den evangelischen Deutschen verlassenen Höfe übernahmen katholische Polen. Die Karolewer evangelische Kirche dient jetzt als katholisches Gotteshaus.

 

 

Quellen:
Kneifel, Eduard: Geschichte der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, Niedermarschacht über Winsen an der Luhe 1962
Kneifel, Eduard: Die Pastoren der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, Eging, Niederbayern 1970
Kneifel, Eduard: Die evangelisch-augsburgischen Gemeinden in Polen 1555-1939, Vierkirchen über München 1971

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Evangelische Kirchengemeinde Żyrardów

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