Zu südpreußischer Zeit gründeten im Jahr 1802 die preußischen Behörden 8 km nördlich von Częstochowa (Tschenstochau) die deutsch-evangelische Weberkolonie Czarny Las (Hilsbach). In Kamienica Polska, 14 km von Częstochowa und 20 km von Czarny Las entfernt, siedelten sich tschechische Weber an, die aus Preußisch-Schlesien stammten und im 19. Jahrhundert zum Katholizismus konvertierten.
In der preußischen Zeit versorgten hier religiös die Evangelischen die preußischen Feldprediger und später die Pfarrer von Tarnowitz. Nach Bildung der evang. Gemeinde in Wieluń 1820 administrierten von dort aus die Pastoren Hilsbach. Im Jahr 1822 wurde hier dank einer Unterstützung des russischen Kaisers Alexander I. ein Bethaus mit Turm, Kanzel und Chor erbaut. Infolge der weiten Entfernung von Wieluń (65 km) waren die Evangelischen gezwungen, Amtshandlungen (Taufen, Trauungen) von römisch-katholischen Priestern vollziehen zu lassen. Durch die Bemühungen des Wieluńer Pfarrers Eduard Lembke und des Friedensrichters Eduard von Wyttek konnte 1846 in Czarny Las ein Filial organisiert und der zuständige Pastor zur zwölfmaligen gottesdienstlichen Betreuung im Jahr verpflichtet werden.
Durch den Bau der Eisenbahnlinie Warschau—Wien über Koluszki—Petrikau—Tschenstochau—Sosnowiec veränderten sich die Verhältnisse grundlegend. Die dadurch bewirkte Nähe zu Petrikau Tryb., nicht minder die sinkende Zahl der Evangelischen in Czarny Las und die umgekehrt wachsende evangelische Stadtbevölkerung in Częstochowa, veranlaßte 1852 die Verlegung des Filials nach Częstochowa. Wegen ständiger Meinungsverschiedenheiten mit den Filialangehörigen enthob das Konsistorium Pastor Lembke von der Verwaltung des Filials und ernannte zum Administrator Pfarrer Müller, Petrikau, der Częstochowa bequem mit dem Zug erreichen konnte. Im Jahr 1853 waren hier zu verzeichnen 31 Taufen, 11 Trauungen, 36 Beerdigungen und 12 Konfirmanden. Die städtischen Behörden wiesen neben dem katholischen Friedhof a. d. hl. Rochstraße einen Platz zum evangelischen Gottesacker zu, den Pastor Müller im Juli 1860 einweihte. Man umgab ihn mit einer Mauer und errichtete ein kleines Haus für den Totengräber.
Im Jahr 1869 genehmigten die Behörden die Eröffnung einer evangelischen Schule in Częstochowa, nach drei Jahren wurde hier Johann Baum Lehrer und Kantor. Ihm folgte Gottlieb Moderau und von 1894-1923 nur als Kantor Enoch Eckert, der hauptberuflich als Buchhalter in einer Tapetenfabrik tätig war.
Das Filial erhielt von der Stadtverwaltung einen Platz a. d. Ogrodowastraße, auf dem mit Hilfe des Konsistoriums und des Leipziger Gustav-Adolf-Vereins ein Bethaus erbaut und am 8. Oktober 1891 durch Bischof von Everth eingeweiht wurde.
Im Jahr 1901 trug man sich bereits mit dem Gedanken, das Filial zu verselbständigen und eine Kirche zu errichten. Maßgeblich betrieb dies Adolf Franke, der von 1903 bis 1923 (†) dem Kirchenkollegium angehörte. 1903 vermachte testamentarisch Christine Lubowska geb. Noffert 6000 Rubel zum Kirchbau. Bis 1908 beliefen sich außerdem die freiwilligen Gaben der Eingepfarrten für diesen Zweck auf 5092 Rbl. Im Jahr 1909 konstituierte sich das Baukomitee. Das alte Bethaus wurde veräußert und 1911 ein neuer Platz an der Zentralstraße erworben. Zum Pfarrer der evang. Gemeinde wählte man mit Stimmenmehrheit Leopold Wojak. Zu dieser Zeit zählte die Parochie 1850 Seelen (370 Familien, davon 50 in Zawiercie), 71 Taufen, 4o Konfirmanden, 14 Trauungen, 42 Beerdigungen und 701 Kommunikanten. Der Bau des Gotteshauses machte Fortschritte. Mit namhaften Stiftungen bedachten die Eingepfarrten die Kirche, den eichenen Altar schenkte Familie Wünsche aus Nieznanice, die Kanzel Familie Klawe, die elektrische Installation die Frau des Richters Roessler, 3 schöne Glocken Alexander und Marie Steinhagen, 3 künstlerische Kirchenfenster die Familien L. Buhle, A. Franke und E. Roeder. Das Gotteshaus, dessen Grundsteinlegung am 6. Juni 1911 erfolgte, am 8. Dezember 1913 eingeweiht. Im I. Weltkrieg requirierten die deutschen Besatzungsbehörden die Glocken. Und so schenkte im Jahr 1929 die Familie Steinhagen zum zweiten Male ein schönes Glockengeläut, das aber während des zweiten Weltkrieges wieder der Requirierung anheimfiel. In Częstochowa amtierte Pastor Wojak von 1912 bis 1953. Er organisierte den Kindergottesdienst, den Religionsunterricht in den Schulen, den Kirchenchor, den Jugendbund, ein Damen-Fürsorgekomitee und schuf ein Altenheim. Aufgrund seiner Initiative wurde das Pfarrhaus mit einer Kapelle im Untergeschoß erbaut und am 25. Januar 1931 eingeweiht. Im Dorf Lindow, 30 km von Częstochowa entfernt, wurde 1936 unter großen Opfern ein Bethaus errichtet.
| Das Filial Zawiercie |
Im Jahr 1860 hielt Pastor Müller, Petrikau, den ersten evangelischen Gottesdienst in Poręba, damals im Besitz des Barons Adolf von Krüger. Zawiercie, in jener Zeit ein Dorf mit einer Anzahl evangelischer Familien, gehörte zu den Gütern Poręba Mrzygłodzka. Der evangelische Friedhof in Poręba wurde am 28. April 1861 eingeweiht. Erst in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts begann sich Zawiercie zu einem Fabrikort zu entwickeln. Am 12. November 1877 beschloß man, hier ein Kantorat zu bilden. Erster Kantor war 1879 Daniel Stein. Bis 1888 war Zawiercie in das Filial Dombrowa und von diesem Jahr ab in das zu Częstochowa einbezogen. Die Schülerzahl betrug hier bis 150. Am 12. Januar 1883 schloß die Schulbehörde das Kantorat. Demzufolge benutzten, die Evangelischen zu Gottesdiensten den Schulsaal des neuerbauten Gebäudes der Baumwollfabrikate AG in Zawiercie. Am 30. November 1890 faßte die Gemeindeversammlung den Beschluß, eine Kirche zu errichten. Mit dem notariellen Akt vom 22. April 1891 überließ Friedrich Mönch kostenlosen Grund und Boden zum Kirchbau. Am 24. November 1895 wurde der Bauplan von der Höheren Behörde endgültig bestätigt. Die Mitglieder des Friedhofsvorstandes Theophil Weidmann und Adolf Buchholtz sammelten in den Häusern Gaben für den Kirchenbau. Um die Jahrhundertwende wohnten in Zawiercie annähernd etwa 80 evangelische Familien, deren Opferwilligkeit ungewöhnlich hoch war. Auch aus anderen Parochien gingen Spenden ein. Im Mai 1892 übertrug man die Gottesdienste aus dem Schulsaal in einen privaten Raum, der in einem Fabrikgebäude für 10 Jahre gemietet wurde. Die pastoralen Gottesdienste erhöhte man auf 6 jährlich. Zweimal im Jahr, morgens vor den deutschen Gottesdiensten, fanden polnische statt. Die Grundsteinlegung der Kirche erfolgte am 9. Juni 1898 und ihre Einweihung am 29. Oktober 1899. Um den Bau des im gotischen Stil errichteten Gotteshauses erwarb sich der langjährige Kantor Uhle große Verdienste . Der Industrielle Ernst Erbe († am 27. Dezember 1926) förderte das kleine Filial.
Quellen:
Kneifel, Eduard: Geschichte der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, Niedermarschacht über Winsen an der Luhe 1962
Kneifel, Eduard: Die Pastoren der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, Eging, Niederbayern 1970
Kneifel, Eduard: Die evangelisch-augsburgischen Gemeinden in Polen 1555-1939, Vierkirchen über München 1971