Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde Nieszawa

Die älteste Kolonie nicht nur im Kirchspiel Nieszawa-Nessau, sondern überhaupt in der Weichselniederung war Słońsk, Alt-Schlonsk. 1605 urkundlich belegt, wurde das Kronsgut Słąsk mit etwa 25 Hufen an 12 Holländer verpachtet. Im gleichen Jahr nahmen Holländer das angrenzende und zum Adelsgut Ciechocinek gehörende Dorf Woluszewo in Pacht. Im Jahr 1638 wurde in Schlonsk die erste Schule eröffnet. Den Kolonisten verbürgte man die freie Schulzenwahl und damit die dörfliche Gerichtsbarkeit. „Die Dorfgesetze wurden in einer sauber geschriebenen Willkür niedergelegt‟. Da der nächste evangelische Pastor etwa 40 km entfernt in Thorn amtierte ließen die Evangelischen in der Schlonsker Gegend annähern 100 Jahre lang Taufen und Trauungen von den katholischen Priestern zu Raciążek vollziehen. Die Verstorbenen beerdigte man auf dem römisch-katholischen Friedhof in Schlonsk. Auf Anordnung des Bischofs Szembek wurde 1735 die evangelische Schule zu Schlonsk geschlossen. Evangelische Predigten wurden mit 2 Taler und evangelische Gottesdienste mit 10 Taler Strafe geahndet. Nach einem Prüfungsbericht aus dem Jahr 1761 betrug die Zahl der Evangelischen in der Schlonsker Gegend über 500 Personen. Ihre religiösen Versammlungen hielten sie im Hause der Familie Mielke. So soll der Bauer Peter Mielke in seinem Hause 42 Jahre Gottesdienste gehalten habe. Während im 17. und am Anfang des 18. Jahrhunderts die Evangelischen das römisch-katholische Pfarramt zu Raciążek in Anspruch nehmen mußten, taten sie später auch das gleiche bei dem katholischen Pfarramt in Schlonsk.

Im Jahre 1778 erteilte ihnen Anton Kościelski, Kastellan von Bromberg und Starost von Schlonsk, die Genehmigung zum Bau einer Schule, die sie mitsamt einem Betsaal nach drei Jahren errichteten. Am 2. September 1782 schenkte er ihnen ein Grundstück zum Friedhof, „zwei Morgen lang und breit‟. Außerdem gab er ihnen am 10. Oktober 1789 einen Platz zum Bau einer Kantorwohnung. Nach fast einem Jahrhundert wurde im Jahr 1878 in Schlonsk eine neue evangelische Schule erbaut. Das große, 1753 gegründete Kantorat Kamieniec, zu dem über 20 Dörfer gehörten, war sehr zerstreut. Die in und um Nieszawa ansässigen Evangelischen wünschten hier die Bildung einer eigenen Gemeinde. Ihrer Bitte wurde im Jahr 1838 entsprochen.
Die Parochie war insofern schlecht und unzulänglich organisiert, als sie um 1870 weder Kirche noch Pfarrhaus, noch einen ortsansässigen Pastor hatte. In einem gemieteten Bethause hielt der jeweilige Pfarrer aus Włocławek (dt. Leslau) 12mal im Jahr Gottesdienste in Nieszawa. Auf die Dauer wollten sich die Eingepfarrten mit diesem Zustand nicht zufriedengeben. Ihrem Verlangen nach einer besseren Organisation der Gemeinde kam Pastor Rudolf Zirkwitz, der Nieszawa administrierte, entgegen. Zu seiner Zeit begann man hier mit dem Bau der evangelischen Kirche.
In Brudnowo wurde am 28. September 1911 ein neues Bethaus von Pastor Haefke aus Kleszczów eingeweiht. Durch den Ukas vom 13. Juli 1906 schenkte der russische Kaiser Nikolaus II. den Evangelischen im Staatsbad Ciechocinek, in der Nähe von Schlonsk gelegen, einen Platz zum Bau einer evangelischen Kirche. Das machte der Erste Weltkrieg zunichte. Im Jahr 1919 erwarb die Gemeinde drei kleine Häuser, die als Wohnung für den Pastor und Küster sowie als Wirtschaftsgebäude benutzt wurden. Außerdem besaß die Parochie noch das ehemalige Kantoratsgebäude mit einer Kantorwohnung und einem Schulsaal.
Im Jahr 1919 wurde hier Otto Friedrich Krenz zum ersten Pfarrer berufen. Zu seiner Zeit beabsichtigten die polnischen Behörden, die Bewohner von Schlonsk zu enteignen und sie gegen ihren Willen nach Polessien, in die Sumpf- und Waldlandschaft im Flußgebiet des Pripjet, umzusiedeln. Man wollte das Staatsbad Ciechocinek bis an die Weichsel ausdehnen, um für die Kurgäste die sog. Kleine Weichsel zu einem Schwimmbad auszubauen. Hiergegen machtendie evangelischen Schlonsker beim Warschauer Höchsten Gericht einen Prozeß unter Berufung auf die Privilegien der drei letzten polnischen Könige anhängig, den Sie gewannen.
Zum Nachfolger von Pastor Krenz wählte das Kirchspiel am 11. Januar 1931 Pfarrer Friedrich Oskar Berthold. 1934 wurde die Kirche renoviert. Im Jahr 1936 wurde als Folge des neuen Kirchengesetzes Nieszawa gegen seinen Willen aus der Superintendentur Płozk ausgegliedert und an das Großpolnische Seniorat angeschlossen.

Zur Gemeinde gehörten 1 Kirche, 3 Bethäuser, 3 Betsäle, 3 kleine Häuser mit Wohnungen für Pastor und Küster sowie Wirtschaftgebäude, ein ehemaliges Kantorhaus mit Kantorwohnung und Schulsaal, 4 Kantorate in Słońsk, Zbrachlin, Kamieniec und Neu-Ciechocinek. – 1 Kirchenchor in Słońsk und Posauenchöre in Kamieniec, Pinino, Brudnowo und Słońsk.

 

Quellen:
Kneifel, Eduard: Geschichte der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, Niedermarschacht über Winsen an der Luhe 1962
Kneifel, Eduard: Die Pastoren der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, Eging, Niederbayern 1970
Kneifel, Eduard: Die evangelisch-augsburgischen Gemeinden in Polen 1555-1939, Vierkirchen über München 1971
Mielke, Emil: Schlonsk – Chronik eines deutschen Dorfes an der Weichsel in Mittelpolen, Dortmund 1972 (Digitale Neuauflage 2004 besorgt von Jutta Dennerlein auf Upstream Vistula)

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Evangelische Kirchengemeinde Nieszawa

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