Um die Wende des 18. Jahrhunderts siedelten sich in und um Włocławek (dt. Leslau) deutsch-evangelische Kolonisten, Handwerker und Kaufleute an. Im Jahre 1818 entwickelten sich Bestrebungen, alle Evangelischen in einer Gemeinde zusammenzufassen. Anfänglich versammelten sie sich zu Gottesdiensten in Privathäusern und wurden von den Pastoren aus Chodecz und Lipno bedient.
1821 baten die Włocławeker Evangelischen die Behörden, ihnen die alte städtische St. Adalbert-Kirche zu gottesdienstlichen Zwecken zu überlassen. Ihre Bitte wurde erfüllt. Am 17. und 18. März 1821 erfolgte die feierlicher Übergabe der Kirche an die Evangelischen. Teilnehmer waren u.a. der katholische Kanonikus Cynka, der Kreisadjunkt Przedpełski sowie die evangelischen Gemeindevertreter J. C. Braun, Karl Engelmann, Johann Engelmann und Johann Kuntze. Schon am 31. Mai 1821 hielt Pastor Ortmann aus Chodecz in der evangelisch gewordenen Kirche den ersten Gottesdienst. Lehrer und Kantor war damals in Leslau Johann Leopold Wittenmann. Erst 1829 verselbständigte sich Włocławek, indem seine Grenzen endgültig abgesteckt und seine Besetzung mit Pastor Ludwig vollzogen wurde.
In den Jahren 1831-1832 erbaute die Parochie das steinerne Pfarrhaus. Zur Amtszeit des Pastors Johann Gottlieb Tydelski (1841-1868) erkannte man mehr denn je die Notwendigkeit der Errichtung eines neuen Gotteshauses. Die alte, im Jahre 1639 von Adalbert (Wojciech) Romałowski erbaute und 1821 den Evangelischen übereignete Kirche war inzwischen baufällig geworden und nicht mehr ausbesserungsfähig. Außerdem vermochte sie nur 150 Personen zu fassen. Doch die Gemeinde war viel zu arm, um aus eigener Kraft den Neubau einer Kirche durchzuführen. Unerwartet vermachte ihr Friedrich Wilhelm Cords, der 1850 verstorbene Gutsbesitzer von Siewiersk, testamentarisch sein Gut im Wert von 16.500 Rubeln. Der Erlös vom Gutsverkauf sollte zum Bau eines neuen Gotteshauses, einer Gemeindeschule und eines Krankenhauses verwendet werden. Es vergingen noch viele Jahre, bis das Vermächtnis rechtskräftig wurde; die Angehörigen des Verstorbenen hatten es gerichtlich angefochten. Um den fehlenden Geldbetrag für den Bau einer Kirche zu decken, verpflichteten sich die Eingepfarrten, einen dreifach höheren Kirchenbeitrag binnen acht Jahren zu zahlen. Auch die Regierung bewilligte zum Bau des Gotteshauses eine Beihilfe. Bei der Realisierung des Nachlasses und der Durchführung des Kirchbaues setzte sich Pastor Rudolf Zirkwitz, der Nachfolger von Pfarrer Tydelski, tatkräftig ein. Nach vierjähriger Bauzeit — Grundsteinlegung war am 15. August 1877 — wurde die Kirche vollendet und am 25. Oktober 1881 eingeweiht. Noch vor dem Baubeginn des Gotteshauses ließ Zirkwitz das Pfarrhaus renovieren und z. T. umbauen.
Dank freiwilliger Gaben konnte die Parochie eine neue Orgel erwerben. Die alte Orgel, ebenfalls durch Spenden finanziert, war 1832/33 von Wilhelm Bredow gebaut worden. Im November 1881 schenkte Prinz Friedrich Karl von Preußen der Włocławeker Gemeinde zwei neue Glocken, die am 18. Dezember des Jahres eingeweiht wurden. Nachdem Pastor Zirkwitz 1895 in den Ruhestand getreten war, folgte ihm Ernst Julius Filtzer. Zu seiner Zeit ist das polnisch-evangelische Ehepaar Ludwig Bauer und Adele geb. Werner in Włocławek durch sein sozial-karitatives Wirken weithin bekannt geworden. Bauer war anfänglich Besitzer einer Glashütte, dann Präses und Leiter der Kujawischen Bank in Włocławek. Das Ehepaar hielt zur evangelischen Kirche. Es ließ im Jahre 1905 aus eigenen Mitteln ein Greisenheim und Waisenhaus errichten. Ludwig Bauer begründete auch die dreiklassige Kaufmannsschule des evang. Kirchenvorstandes zu Leslau, die bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges bestand. Es leitete sie der deutsche Pädagoge und Kulturgeschichtler Karl Grams. Die Gehälter der Lehrer bestritt Bauer selbst. Frau Adele Bauer († 19. Juli 1929) widmete sich mit großer Liebe dem Waisenhaus und Greisenheim. Sie nahm sich der Kranken und Siechen an und erzog die elternlosen Kinder der evangelischen Kirchengemeinde. Für die Unterhaltskosten kam sie aus ihrer Privatkasse auf. Während des Ersten Weltkrieges bekleidete Ludwig Bauer das Amt des Stadtpräsidenten von Włocławek.
Von 1891-1910 war in Modzerowo Eduard Hermann Kersten als Lehrer und Kantor tätig. 1917 schied Pastor Filtzer aus und trat eine Pfarrstelle in Deutschland an. Das Konsistorium ernannte — nach dem Verzicht des im Januar 1918 gewählten Pfarrers Adolf Löffler, Konin — Pastor Hugo Wosch († in Breslau und beerdigt in Leslau am 17. August 1938) zum Administrator von Włocławek, der es seit Juli 1918 verwaltete. 1928 fand in Modzerowo die Einweihung der neuerbauten Kapelle statt.
Von 1846-1918 bestand hier eine Kantoratsschule. Bis zum Jahr 1921 wirkten in Bodzie nur deutsche Lehrer und Kantoren. 1930 wurde in Włocławek die Leichenkapelle erbaut. Am 25. Oktober 1931 begingen die Eingepfarrten ein dreifaches Fest: das 100jährige Bestehen der Gemeinde, das 50jährige Kirchweihjubiläum und die 25jährige Feier des Hauses der Barmherzigkeit. Zum Administrator des mit dem Tode von Hugo Wosch vakanten Kirchspiels bestellte das Konsistorium Pfarrer Helmut Prüfer.
Zur Gemeinde gehörten 1 Kirche, 1 Bethaus, 4 Betsäle, 1 Pfarrhaus, ein Waisenhaus und Greisenheim sowie 2 Schulgebäude. 5 Kantorate und zwar in Bodzie, Krzywa Góra, Łęg-Witoszyn, Modzerowo und Sarnówka – 1 Kirchenchor. 1925 bestanden 2 Schulen in Modzerowo und Krzywa Góra; mit polnischer Unterrichtssprache und evangelischen Lehrern und 3 Schulen mit deutscher Unterrichtssprache in Włocławek, Łęg-Witoszyn und Sarnówka.
Quellen:
Kneifel, Eduard: Geschichte der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, Niedermarschacht über Winsen an der Luhe 1962
Kneifel, Eduard: Die Pastoren der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, Eging, Niederbayern 1970
Kneifel, Eduard: Die evangelisch-augsburgischen Gemeinden in Polen 1555-1939, Vierkirchen über München 1971