Das evangelische Kirchenwesen in der Stadt Kobylin, welche schon im 13. Jahrhundert bestand und zu Beginn des 15. Jahrhunderts von König Władysław II. Jagiełło mit Magdeburgischem Recht versehen wurde, verdankt seine Entstehung dem Erbherrn Abraham von Lachowiec-Sienuta. Dieser legte in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts einen besonderen Stadtteil für deutsche Ansiedler an und ließ dort eine Kirche erbauen, welche er Anfang 1632 unter dem Namen „Schifflein Christi“ den Evangelisch-Lutherischen übergab. Den Ansiedlern, größtenteils flüchtige schlesische Protestanten, erließ er alle Angaben und stellte ihnen die einzige Bedingung, dass sie für die empfangenen Grundstücke einen jährlichen Zins entrichten sollten. Schon 1689 brannte aber diese Kirche zusammen mit einem Großteil der Stadt ab. Die Gemeinde erbaute sich aber bis 1692 eine neue Kirche. Lange war diese das einzige evangelische Gotteshaus weit und breit, weshalb hier stets sehr viele Evangelische zur Andacht kamen. 1693 wurden die kirchlichen Privilegien durch den Wojewoden und desssen Sohn bestätigt.
Dennoch wurde die Gemeinde durch die katholische Geistlichkeit in ihren Rechten beschränkt. Es visitierte z.B. der Offizial von Kalisch 1719 die evangelische Kirche, solche Revisionen waren meist für die betroffenen Gemeinden sehr kostspielig. Dann wurden evangelische Amtshandlungen vom katholischen Ortsgeistlichen, der die Rechte des eigentlichen parochus beanspruchte, akribisch überwacht, eingeengt und durften schließlich nur nach Zahlung von 200 Tymfe zu ca. 65 Pfennigen jährlich vollzogen werden. Es existierte eine strenge Kirchenordnung mit genauen Vorschriften, bis wann Neugeborene zu taufen waren, und wie viele Paten zugelassen waren, wie Brautleute sich mit ihren Zeugen zur Kopulation einzufinden hatten, über das Wegbleiben vom Abendmahl und über liederlichen Lebenswandel. Zuwiderhandlungen wurden mit geharnischten Strafen belegt.
Am 1. Juni 1763 brannte erneut größtenteils die Stadt nieder, darunter auch die Kirche mit Pfarr- und Schulgebäuden. Daraufhin erbaute sich die Gemeinde eine dritte Kirche, welche schon im Herbst 1764 geweiht wurde. 1772 bestätigte der damalige Grundherr die früheren Privilegien, und bald darauf gelangte sie zu voller Selbständigkeit.
Zum Kirchspiel gehörten, nachdem 1853 Pogorzela abgezweigt wurde, außer der Stadt 45 ländliche Ortschaften. Ab Juli 1893 waren die Evangelischen in Zalesie (Groß Salesche) Dorf und Gut, Lischkowo Dorf und Gut, Klein Salesche Dorf und Gut, Josefowo zu einer mit Kobylin unter einem Pfarramt verbundenen Mutterkirche vereint. Dafür wurde 1895 in Zalesie ein neues Bethaus errichtet.
Das Kirchspiel zählte um 1898 1.695 und 1937 930 Gemeindeglieder.
Abschrift und Bearbeitung des Textes aus Werner/Steffani, Überarbeitung und Ergänzung: Jutta Grube im Dezember 2022
Quellen:
Golon, Arnold und Steffani, Johannes: Posener Evangelische Kirche. Ihre Gemeinden und Pfarrer von 1548 bis 1945, 1967
Werner, Albert u. Steffani, Johannes: Geschichte der evangelischen Parochien in der Provinz Posen, Posen 1898, Seite 146-148
Artikel in Wikipedia Unierte Evangelische Kirche in Polen (zuletzt besucht am 17.11.2022)