Um das Jahr 1830 entstanden in dem ehem. Gouv. Kielce zahlreiche deutsch-evangelische Siedlungen, die hauptsächlich von aus Deutschland eingewanderten Waldarbeitern gegründet wurden.
So entsprossen durch Aufteilung des Dorfes Lopuszno die Kolonien Józefin, Antonielów, Lopuszno und Olszówka. In Kielce selbst ließen sich gleichfalls Evangelische nieder. Die Einwanderung war hier z. T. durch die in ansteigender Entwicklung begriffene Bergindustrie begünstigt.
Die in und um Kielce ansässigen Evangelischen empfanden ihre religiöse Lage als einen Notstand. Eine Wendung zum Besseren trat erst ein, als in Kielce regelmäßige Gottesdienste in gemieteten Räumen stattfanden und in Antonielöw ein Schul- und Bethaus erstand. Die Judenmissionare Hoff und Wendt, zuerst in Petrikau und dann in Kielce stationiert, wie auch die Pastoren von Tomaschow und Radom, nahmen sich der Evangelischen in diesem Bezirk an.
Am 29. Oktober 1829 verfügte das Warschauer Generalkonsistorium die Wahl eines Kirchenkollegiums in Kielce, das die Gemeinde organisieren und eine Kirche errichten sollte. Mitglieder des ersten Kirchenkollegiums waren: Hausbesitzer Franz Schmidt, Ing. Meyser, Postmeister Johann Keler, Heinrich Rose und Baron Theophil von Karwiriski. Das Kirchenkollegium bemühte sich sogleich bei den Behörden um die Erlaubnis zum Bau der Kirche, des Pfarrhauses und der Schule. Doch die Genehmigung dazu wurde erst nach neun Jahren erteilt. Am 10. März 1835 bestätigte der Höchste Verwaltungsrat des Königreichs Polen die neue Pfarrgemeinde Kielce und den Plan der zu erstellenden Kirche; zugleich gewährte er auch eine Beihilfe von 4.000 Rbl zur Errichtung des Gottes- und des Pfarrhauses. Die Verwaltung der Bergwerke zeichnete ebenfalls einen größeren Geldbetrag. „Die kleine, damals nur aus 83 zahlenden Familien bestehende Gemeinde hat sich durch große Opferwilligkeit hervorgetan….“.
Das Baugrundstück zur Kirche und zum Pastorat schenkte der Postmeister Johann Keler. Im Jahr 1838 begann der Kirchbau, das neue Gotteshaus wurde 1840 eingeweiht. Die Tätigkeit der Pastoren Karl Friedrich Rötscher und Karl Wilhelm Kliem war durch deren schwere Leiden stark eingeschränkt. Eduard Lembke, der den beiden nachfolgte, amtierte 23 Jahre in Kielce. Auf seine Initiative wurden 1859 Kirche und Pfarrhaus renoviert. Kanzel, Altar, Altarbild und Orgel konnten dank einer Spende des Bürgers Johann Jakob Sardelli angeschafft werden. Im Jahr 1865 wurden zwei Glocken erworben. Pfarrer Lembke administrierte auch die Filialen Pilica und Przedborz. Der Gutsbesitzer und Kirchenvorsteher Johann Schmidt aus Strzeszkowice gab sich als spendables Mitglied seiner Gemeinde zu erkennen. Anläßlich der Installation des Pfarrers Ferdinand Haefke am 5. Juni 1881 visitierte Gen.-Sup. von Everth Kielce. In der Visitationssitzung des Kirchenkollegiums stellte er fest, daß die Parochie durch Wegzug vieler Gemeindeglieder kleiner geworden sei. So löste sich das Filial Przedborz, das seit 1857 mit Kielce und vorher mit Petrikau verbunden war, Ende des Jahres 1880 auf. Fast alle Filialangehörigen, ihrem Berufe nach zumeist Tuchmacher, zogen fort. Von 1888 bis zu seinem Tode am 21. Oktober 1911 wirkte im Kirchspiel Pastor Heinrich Karl Zander. Er war sowohl von seinen Gemeindegliedern als auch von Mitgliedern anderer Konfessionen geschätzt und geachtet. Ihm standen zur Seite die Kirchenvorsteher Alfons Welke (gest. 1905) und Karl Reichelt (gest. 1915), die seit dem Jahr 1875 dem Kirchenkollegium ununterbrochen angehörten
Im Ersten Weltkrieg, zur Amtszeit des Pfarrers Wladyslaw Wernitz, wurden im Jahr 1915 viele deutsch-evangelische Dorfbewohner ausgesiedelt. Infolge der Kriegsereignisse mußte Wernitz fast ein Jahr seine pastorale Tätigkeit nur auf die Evangelischen in Kielce, etwa 100 Seelen, beschränken. In den unmittelbar an der Front liegenden Kolonien, wie Marianów, Ludwików, Lopuszno und Rowolinów, wurden zahlreiche Wirtschaften ein Raub der Flammen. Das Bethaus in Antonielów wies durch Kriegshandlungen Beschädigungen auf. Die Gemeinde erhielt in Folge einige umfangreichere Legate: von General Tutschek 1.348 Rbl 50 Kop., dessen Zinsen man zum Ankauf einer neuen Orgel (von Korczak gebaut) verwendete; von Frl. Emilie Schmidt 3.000 Rbl; außerdem von ihr und ihren Geschwistern Boleslaw und Emma eine größere Summe Geldes zur Ausbesserung der kirchlichen Gebäude; vom Kirchenvorsteher Boleslaw Schmidt 3.000 Rbl.
Die Gemeinde verfügte über zwei Kapellen und 3 Friedhöfe.
Seit 1839 bestand in Antonielów eine Kantoratsschule mit 1924 noch 70 Kindern und in Stojowsko eine Schule mit polnischer Unterrichtssprache. Zur Zeit Pfarrer Lembkes bestand in Kielce eine evang. Schule mit 22 Kindern. Um 1865 in Krery eine evang. Schule, die aber nach Auflösung des Filials Przedborz 1880 (gegr. 1855 und bedient von den Pastoren zu Tomaschow, Petrikau und Kielce; Anfänge 1825 in der Coquerilschen Tuchfabrik in Przedborz mit einem Saal der Fabrik als Betsaal) liquidiert wurde.
Im Jahr 1929 wurden 95 Taufen, 41 Konfirmationen und 17 Trauungen durchgeführt, es gab 32 Todesfälle und 725 Kommunikanten. Der Gemeinde gehörten im Jahr 1938 2.000 Seelen an.
Quellen:
Kneifel, Eduard: Geschichte der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, Niedermarschacht über Winsen an der Luhe 1962
Kneifel, Eduard: Die Pastoren der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, Eging, Niederbayern 1970
Kneifel, Eduard: Die evangelisch-augsburgischen Gemeinden in Polen 1555-1939, Vierkirchen über München 1971