Im Jahre 1843 siedelte Graf Zamojski auf seinen Gütern Ręczaje deutsch-evangelische Kolonisten an. Aus grüner Wurzel entsproß ein Kranz neuer Dörfer: Ręczaje, Brzeziny, Czubajowizna, Majdany, Michałów und Nadbiel. Die Bestätigung der neuen Parochie zu Radzymin, um die man sich bemühte, erfolgte bereits 1844. Um ihr aber auch zahlenmäßig und wirtschaftlich eine solide Grundlage zu geben, pfarrte man noch ein: aus der Gemeinde Wengrow die Kolonie Mentnowo-Kiciny und aus dem Neuhofer Kirchspiel Alexandrów, Augustów, Izabelin und Stanisławów. Radzymin verwaltete der jeweilige Pastor aus Nowy Dwór. 1868 — an der Peripherie der Stadt, direkt an der Chaussee nach Warschau und von ihm drei Meilen entfernt — wurde das Pfarrhaus erstellt. Da aber keine Aussicht bestand, die Gemeinde mit einem Pastor zu besetzen, so baute man das Pfarrhaus zu einem Betsaal, zu einer Schule und Wohnung für den Kantor um. Adm. Oskar Ernst, Neuhof, bewog die Radzyminer zum Umbau des Betsaales zu einer Kirche, deren Einweihung Gen.-Sup. Bursche am 27. Dezember 1913 vollzogen hat. Eine neue Orgel, von der Firma Blomberg, Warschau, für 1.100 Rbl erworben, wurde am 3. Advent 1920 eingeweiht. Im Ersten Weltkrieg verschleppten die Russen 3.600 Personen, nur 400 blieben davon verschont. Durch Requirierung seitens der deutschen Okkupationsbehörden verlor die Pfarrei ihre Glocken und erlitt noch andere kleinere Schäden.
In Stanisławów bildete sich eine Brüdergemeine, zu der sich 20 Familien hielten. Zwischen ihr und den Herrnhutern in Neusulzfeld bei Lodz waren die Beziehungen immer sehr eng. 1928 schenkte die Warschauer lutherische Gemeinde Radzymin eine alte Glocke. Am 1. November 1930 fand die Einweihung des neuen Bethauses in Dombrowa-Arciechowska statt. 1934 wurde die Parochie selbständig und erhielt in Stefan Gumpert den ersten ortsansässigen Seelsorger. 1944 starb er im deutschen KZ Stutthof bei Danzig. Gab es noch um 1867 10 evangelische Schulen mit 7 Lehrern und 189 Kindern — drei Schulen waren unbesetzt —, so waren um 1925 überhaupt keine mehr vorhanden. In Brzeziny war der Bauer Friedrich Repsch ansässig. Der gehörte dem Kirchenkollegium von Radzymin seit 1923 an und war führender deutscher Laiensynodale in den Jahren 1937-1939. Selbst vor dem Höchsten Polnischen Gericht in Warschau vertrat er die Eingaben und Beschwerden der deutschen Synodalgruppe gegen die diskriminierende Art der Realisierung des neuen Kirchengesetzes 1936.
Statistik
Gründung der Gemeinde: 1844; Verselbständigung: 1934; Seelenzahl: 2.500; Kirchensprache: deutsch. — Kirche, 6 Bethäuser, 6 Friedhöfe, 2 Posaunenchöre: in Nadbiel und Czubajowizna. 1923: 80 Taufen, davon 8 in polnischer Sprache; Trauungen: 34, davon 3 polnische; Todesfälle: 39; Konfirmanden: 52; 449 deutsche Kommunikanten und 24 polnische. Pastor: Stefan Gumpert, 1934—1939.
E. Kneifel: Die evangelisch-augsburgischen Gemeinden in Polen 1555-1939, Vierkirchen über München 1971, S. 34 ff.