Der Gnesener Erzbischof Fürst Stanislaw Poniatowski, Neffe des letzten polnischen Königs Stanislaw August, gründete 1775 das Niederungsdorf Rajszewo. Das gegenüber der Festung Modlin gelegene Mennonitendorf Deutsch-Kazuń entstand 1776. Der gleiche Erzbischof erwarb 1782 für seinen Gutshof Nowy Dwór, der zwischen den Flüssen Narew und Weichsel lag, das Stadtrecht. In die neue Stadt Nowy Dwór (Neuhof) wanderten von I783-1790 zahlreiche deutsch-evangelische Handwerker ein, darunter 29 Tuchmacher, je 3 Tuchscherer, Schlosser, Tischler u. a. Ihnen folgten zur südpreußischen Zeit (1793-1806) auch 13 Schiffer und gegenüber von Nowy Dwór auf dem rechten Weichselufer zwei Schiffbauer aus Berlin und Stargard. Die Siedlungen Łączna (Wiesenhof) und Skierdy bei Nowy Dwór verdankten 1782 dem Erzbischof gleichfalls ihre Entstehung. 1786 etablierte sich Dembina Holl. bei Kazuń. Weitere Kolonien waren um 1803 die Schwabendörfer Neu-Modlin, Luisenfelde und Kleinfelde-Koszewsko, 1830 Dziekanów und 1890 deren Tochterkolonie Łomianki Górne. Die Gründung Tarchomin regte ein Herr von Mohr an.
Erzbischof Poniatowski sicherte als Grundherr den evangelischen städtischen und ländlichen Ansiedlern völlige Religionsfreiheit zu. 1782 stifteten sie die Gemeinde Nowy Dwór, die im darauffolgenden Jahr ihren ersten Prediger namens Gottfried Leske erhielt. Anfänglich wurde der Gottesdienst in einem Privathaus gehalten. Im Jahre 1806 benutzten die Evangelischen mit Genehmigung des Grundherrn das obere Stockwerk des Rathauses. 1818 schenkte Graf Gutakowski, der spätere Grundherr, der Parochie ein Haus für den Prediger. Im Jahr 1826 wurde auf Veranlassung der Regierung das Rathaus der evangelischen Gemeinde überlassen und zur Kirche umgebaut. Pastor Bando, Leskes Nachfolger, verließ 1813 Nowy Dwór. Die starke Überschwemmung der Weichsel, die Belagerung der Festung Modlin, die Kriegswirren 1812/13 zwangen ihn zur Flucht nach Warschau, wo er kurz darauf verstarb. Die 1813-1818 vakant gewordene Gemeinde litt damals sehr. Das aufblühende Tuchgewerbe löste sich restlos auf. Durch die Durchmärsche der Truppen, Requirierungen u. a. wurde auch die evangelische Landbevölkerung in Mitleidenschaft gezogen. Erst mit Pfr. Samuel Tock besserte sich die Lage. Der im Kirchspiel 27 Jahre wirkende Pastor Wilhelm Helbing leitete einen neuen Abschnitt in dessen Entwicklung ein. Ihn löste sein Schwiegersohn Pastor Ludwig Behrens ab.. Zu seiner Zeit bestanden bereits 11 Kantorate und eine Elementarschule. 1867 ließen Oberst von Baumgarten und dessen Schwiegersohn Kirche und Pfarrhaus in Nowy Dwór auf eigene Kosten renovieren. 1873 legte Major Baron von Engelhardt einen Spaziergarten an der Kirche für die von ihm gespendeten 4.000 Rubel an.
Mit Pastor Edmund Hermann Schultz begann in Nowy Dwór die Reihe polnischer Prediger. Schultz bemühte sich um den Um- und Ausbau des Gotteshauses und die Förderung des Gemeindelebens. Eine tückische Krebskrankheit raffte ihn im J. 1903 dahin. Ihm folgte Pastor Oskar Ernst, der den Umbau des Gotteshauses vollendete, das 1906 eingeweiht werden konnte. Im Jahr 1907 fielen 120 Häuser in Nowy Dwór einer Feuersbrunst zum Opfer. Nach dem Tode von Pastor Ernst 1922 trat nach der Vakanz die Pfarrstelle Pastor Karl Wolfram an. Er stammte aus der Modliner Kolonie und wurde hernach Prof. der Theologie in Warschau. Von 1929 bis 1939 amtierte in Nowy Dwór Pfarrer Robert Nitschmann. Am 25. September 1932 beging die Gemeinde ihr 150jähriges Jubiläum. 1937 wurde die Friedhofskapelle eingeweiht. Noch 1925 bestanden in der Pfarrei fünf deutschsprachige Volksschulen, die kurze Zeit später in staatliche Schulen umgewandelt wurden. Und zwar in Neu-Modlin, Kikol (Kämpe), Skierdy, Szamocin und Kazuń. Langjährige Kirchenvorsteher waren Adam Fritz aus der Neuhofer Kämpe und Heinrich Metz aus Deutsch-Dziekanów. Den Organistendienst versah mehrere Jahre Frau Pastor Nitschmann, eine Klaviervirtuosin. Das Küsteramt hatte hier weit über 100 Jahre die Familie Goeppert inne. Der letzte Küster war ein Ururenkel des ersten.
Quellen:
Kneifel, Eduard: Geschichte der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, Niedermarschacht über Winsen an der Luhe 1962
Kneifel, Eduard: Die Pastoren der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, Eging, Niederbayern 1970
Kneifel, Eduard: Die evangelisch-augsburgischen Gemeinden in Polen 1555-1939, Vierkirchen über München 1971