Paprotnia Holland war 1792 eine Gründung des Gutsbesitzers Jan Sulimierski, der für die Kantoratsschule etwa 4 Morgen Land schenkte. Die Siedlungen Zamłynie und Annapol (Annafeld), von deutschen und polnischen Wirten um 1800 kolonisiert, verdankten ihre Entstehung auf dem Gute Wojsławice dessen Besitzer Siemiątkowski. Der gab im Jahr 1803 für die Schule 15 Morgen Land, worauf dann 1810 eine Kantoratsschule eröffnet wurde. 1825 entstanden die gemischten evangelisch-katholischen Dörfer Stęszyce, Opiesin, Osmolin, Rozmyśl, Nowe Miasto und Izabelów. Im Jahr 1837 verkaufte K. Okołowicz die Kolonie Łobudzice, im ganzen 61 Hufen, an zumeist deutsch-reformierte Siedler, insgesamt 560 Personen aus Hessen und Baden. Im gleichen Jahr benutzten sie bereits das ihnen übereignete Gutshaus als Betsaal, Schule und Wohnung des Kantors. Die Kantoratsschule erhob man 1850 zu einer Elementarschule. 1842 wurde das Dorf Ogrodzisko, 1864 die Siedlungen Chojny, Stoczki und Stefanów (jenseits der Warthe) gegründet.
Graf Prawdzic-Złotnicki warb 1817/18 Weber aus Sachsen, Böhmen und z. T. auch aus der Provinz Posen an, denen er unentgeltlich Baugrundstücke, Holz und Ziegeln für Wohnhäuser u. a. anwies. Durch ihre Ansiedlung, wie auch von anderen Handwerkern, entwickelte sich aus der Töpferkolonie „Zduny‟ und den Parzellen „Wola Polska‟ die Stadt Zduńska-Wola. Im Jahr 1824 waren hier bereits 143 Tuchmacher, 27 Leinen- und Baumwollweber ansässig. 1825 zählte der Ort etwa 5000 Einwohner und 360 bebaute Grundstücke. Anläßlich seines Besuches am 20. Juli 1825 verlieh der russische Zar Alexander I., über den kräftigen Aufschwung des neuen Fabrikortes beeindruckt und erfreut, ihm noch in demselben Jahr die Stadtrechte.
In Gegenwart des Grafen Złotnicki und des Missionars Wendt aus Petrikau beschlossen am 27. August 1825 die Evangelischen von Zduńska-Wola, zur Bildung einer Gemeinde (Kirche, Schule, Prediger- und Lehrerhaus) Spenden zu sammeln. Für die eingegangenen Gaben kaufte man ein altes Gebäude (Schafstall) in Opiesin und baute es zu einem Bethaus (Bet-, Schulsaal und Kantorwohnung) um. Am 28. Oktober 1827 wurde es eingeweiht. Auf Grund des Reskriptes vom 23. Juli 1829, Nr. 8594, genehmigte die Regierungskommission für innere, geistliche Angelegenheiten und Volksbildung die Gründung der evangelischen Gemeinde zu Zduńska-Wola. Der am 20. September 1830 gewählte Pastor Wilhelm Biedermann blieb nur 5 Jahre. Ihm folgte Missionar Georg Wendt in Kielce. Nach Wendts Tod († 1856) trat die Pfarrstelle Pastor Eduard Ignatius Boerner an, der sie 54 Jahre versehen hat. Der 1825 angelegte evangelische Friedhof in Zduńska-Wola, für den Graf Złotnicki († 1847) 273 Ruten Land geschenkt hatte, wurde 1865 und 1889 erweitert. Die neue, im romanischen Stil gehaltene Kirche, deren Grundsteinlegung am 23. Juni 1866 stattfand wurde am 31. März 1868 eingeweiht. Die alte Kirche wurde erst 1872 abgetragen.
1839 kauften die Evangelischen von Szadek eine alte kleine röm.-kath. Kirche, die sie 1867 instand setzten, aber 1909 wegen ihrer Baufälligkeit abtragen mußten. Infolge Wegzugs bzw. Todes ist die kleine Zahl der Evangelischen hier noch mehr zurückgegangen.
1849 wurde das Schul- und Bethaus in Annapole umgebaut. 1857 schloß man die verwahrlosten Friedhöfe in Poremby, Paprockie Hol. und Rojków.
Am 15. Juli 1845 regte der Tuchweber E. Beutner die Gründung einer Brüdergemeinde in Zduńska-Wola an. Anfänglich leitete sie Beutner, dann Johann und Jakob Kraeter. 1864-1865 erbaute man ein hölzernes Bethaus (renoviert 1895 und 1908). Im Jahr 1862 gehörten der Brüdergemeinde 32 Familien an.
Um 1870 begannen die Baptisten mit ihrer Werbearbeit in Zduńska-Wola. 1876 kauften sie ein Versammlungslokal, 1885 organisierten sie hier die baptistische Gemeinde, 1902 erbauten sie eine 600 Sitzplätze zählende Kapelle. Doch blieben ihnen größere Erfolge versagt.
1875 kaufte die lutherische Parochie zum Pfarrhaus das ehem. Julius Hillesche Besitztum mit Garten und Nebengebäuden, das 1878 ausgebaut, 1911 und 1927 renoviert wurde. Im Jahr 1895 errichtete ein zweistöckiges Gebäude, in dem 1937 eine 7klassige allgem. Volksschule, die Wohnungen für das Kirchenpersonal und das Lokal des Kirchengesangvereins untergebracht waren.
Durch den Bau der Eisenbahnlinie Lodz—Zdunska-Wola—Kalisch im Jahr 1902 erfuhr das Gemeindewesen einen weiteren Auftrieb. Seit 1895 stellte sich Frau Marie Boerner geb. Rauh, die Gattin des Ortspastors, in den Dienst des Kirchspiels. Sie hielt Frauenversammlungen ab, aus denen sich der Frauenverein entwickelte. Von 1897 bis 1905 leitete sie den Kindergottesdienst mit Gruppensystem. Am 16. März 1900 gründete sie den Jungfrauenverein, förderte das Greisenheim und die Kinderbewahranstalt. Ebenso schufen am 2. Oktober 1903 die Gemeindeglieder Emil und Waldemar Kraeter den Jünglingsverein. Pfarrer Boerner wirkte auch übergemeindlich. Nach ihm wählte am 21. März 1911 das Kirchspiel den Vikar Gustav Manitius zum Ortspastor. Man errichtete zu Ehren von Superintendenden Boerner ein Altersheim (mit zusätzlichen Räumen für Fröbelschule, Frauenverein, Jungfrauen- und Jünglingsverein, Konfirmandensaal u. a.), dessen Bau 1913 begonnen, durch den I. Weltkrieg unterbrochen und erst 1923 vollendet wurde.
Im I. Weltkrieg wurde die Kirche in Zduńska-Wola beschädigt, das Bethaus der Brüdergemeinde am 23. November 1914 durch Granatfeuer zerstört, 3 Glocken und sämtliche Orgelpfeifen beschlagnahmt. Durch den Stillstand der Industrie kehrte Not in viele Häuser ein, zahlreiche Weber und Handwerker wanderten nach Deutschland ab, das Vereinswesen ruhte und die parochiale Entwicklung stockte. Bei der Beschießung von Zduńska-Wola verließ Pfr. Manitius die Stadt und begab sich nach Lodz. Im Herbst 1924 übernahm Pastor Manitius die polnisch-evangelische Gemeinde in Posen. Seit 1925, zuerst als Vikar und von 1926 als gewählter Pastor, wirkte in Zduńska-Wola Pastor Georg Lehmann. Im Jahr 1925 reaktivierte er den Kindergottesdienst und am 21. März 1927 die Fröbelschule. 1927 erbaute das Kantorat Łobudzice eine kleine Kirche. 1927 verselbständigte sich Łask und trennte sich administrativ von Zduńska-Wola. 1928-1929 konnte die Kirche von außen und innen renoviert werden. 1934 errichtete Pfarrer Lehmann auf dem städtischen evang. Friedhof einen Glockenturm, in welchem die alte Glocke aus dem Jahr 1839 als Totenglocke ihren Dienst verrichtete und auf dem Turm das Kreuz des alten Bethauses aus dem Jahr 1827 emporragte. Am 27. Juli 1930 wurde das neuerbaute Bethaus der Brüdergemeinde vom Missionsinspektor Vogt aus Herrnhut eingeweiht. Die Brüdergemeinde zählte damals 123 Mitglieder. Ihr l00jähriges Jubiläum feierte die Kirchengemeinde am 7. und 8. Dezember 1930. Pfr. Lehmann amtierte hier bis 1945.
| Das Filial Sieradz |
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren in Sieradz nur einzelne Evangelische ansässig. Zu südpreußischer Zeit vermehrte sich durch Zuzug von Beamten, Handwerkern u. a. die evangelische Bevölkerung, die sich einen kirchlichen Mittelpunkt zu schaffen bemühte. Sie hielt ihre Gottesdienste in einem privaten Raum und später sogar in einem Theatersaal. Pastor Samuel Gottlieb Sachs aus Wieluń bediente sie viermal jährlich. Im Auftrage der Evangelischen von Sieradz bat am 21. Januar 1838 Jakob Burmeister das General-Konsistorium, Pfarrer Sachs solle nach wie vor die Administration von Sieradz innehaben. Dieses aber übertrug sie dem jeweiligen Pastor von Zduńska-Wola. Im Jahr 1897 weihte Pastor Boerner hier des neuerrichtete Bethaus ein. Den Bauplatz schenkte August Härtig, Lodz, den Betrag von 2000 Rubeln spendete Georg Duday, der Besitzer des Gutes Dombrowa bei Sieradz. Dem Baukomitee gehörten an Georg Duday, Karl Dreßler, August Mosch, Konstantin Kawecki und Adolf Rathe. In der Zeit 1870-1880 umgab man den evangelischen Friedhof mit einer Mauer. 1920 beschlossen die Evangelischen das Bethaus umzubauen. Zunächst wurde ein Turm erstellt und am 15. August 1923 eingeweiht. Darauf errichtete man Dach und Gewölbe, deren Kosten durch den Verkauf eines Grundstücks am Friedhof bestritten wurden. Mitglieder des Baukomitees waren Theophil Mosch, August Fiedler, Julian Gaßmann, Michael Kawecki und Albert Dreßler. Auf Grund des neuen Kirchengesetzes von 1936 wurde Sieradz zum Filial erhoben.
Quellen:
Kneifel, Eduard: Geschichte der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, Niedermarschacht über Winsen an der Luhe 1962
Kneifel, Eduard: Die Pastoren der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, Eging, Niederbayern 1970
Kneifel, Eduard: Die evangelisch-augsburgischen Gemeinden in Polen 1555-1939, Vierkirchen über München 1971